2012/04: Eine Antwort an die Friedensplattform

Betrifft: Eure Reaktion auf unseren Offenen Brief vom 6.3.2012

Liebe Friedensplattform!

Wir haben zur Kenntnis genommen, dass ihr auf unsere Kritik an der Veröffentlichung des antisemitischen Artikels von Eberhard Hamer reagiert und den Artikel von eurer Homepage entfernt habt. Das ist erfreulich. Doch der übrige Inhalt eures Antwortschreibens, das wir erhalten haben, ist äußerst befremdend.

Ihr schreibt „Denn  sollte es so sein – und davon gehe ich nach eurem Brief aus –  dass dieser Autor in rechten Medien haarsträubende Theorien verbreitet, die ins extrem rechte Eck gehören, sind alle seine Aussagen samt und sonder in diesem Kontext zu betrachten und scharf zurückzuweisen.“ Dazu stellen wir eins klar: Der Beitrag von Eberhard Hamer ist nicht nur deshalb antisemitisch, weil der Autor aus der rechtsextremen Szene kommt, sondern ein solcher Text ist es  immer, egal, wer ihn verfasst, und zwar aufgrund seiner inhaltlichen Argumentation.

Der Beitrag bedient sich auch nicht eines „linken Jargons“, wie ihr suggeriert, weshalb eurer „Blick auf diese Art von Medium nicht scharf genug war“ , sondern ist in der typischen Sprache eines rechtsextremen Verschwörungstheoretikers geschrieben. Dass euch die politische Zuordnung des Artikels entgangen ist, lag nicht an irgendwelchen Tarnungsmanövern des Autors, sondern an euch.

Euer Brief ist gespickt mit haltlosen Unterstellungen und Zuschreibungen unserer Gruppe gegenüber. Zudem demonstriert ihr ein weiteres Mal euren Unwillen oder eure Unfähigkeit, die Themen Israel-Palästina und Antisemitismus auseinanderzuhalten.

Ihr schreibt, unser Vorwurf, ihr hättet euch nicht mit Antisemitismus auseinandergesetzt, sei unwahr. Ihr hättet ja ohnehin einem Herrn eine Diskussion angeboten, der ein „Vertreter unseres Standpunktes in der Israel-Palästina-Frage“ sei. Noch einmal: Ihr könnt nicht wissen, welchen Standpunkt wir in dieser Frage einnehmen, genauso wenig wie euch unsere Standpunkte zu anderen nationalstaatlichen Konflikten und Kriegen bekannt sind (etwa zu  Tschetschenien, Syrien, Sudan…), da wir uns dazu als Gruppe nicht geäußert haben, genauso wenig wie zu den anderen erwähnten Konfliktherden. Einzig die Beurteilung  der momentanen Regierung in Israel als rechtsextrem war unseren Publikationen zu entnehmen. Wie kommt ihr daher auf die Idee, irgendwer, mit dem ihr diskutieren wolltet, hätte in der Israel-Palästina-Frage den gleichen Standpunkt wie wir? Und was hätte eine solche Diskussion mit einer von uns geforderten Bereitschaft zu tun gehabt, antisemitische Inhalte zu erkennen und ihnen kein Forum zu bieten, egal ob das Thema Palästina, Iran, Kapitalismuskritik oder sonst wie heißt? Nicht das geringste!

Ihr behauptet, eine „scharfe Absage gegenüber dem Antisemitismus“ sei Teil eures Engagements. Zugleich werft ihr uns „Unterstellungen des Antisemitismus, die jeder Grundlage entbehren“ euch gegenüber vor. Nun: Wir haben euch nie vorgeworfen, antisemitisch zu sein, weshalb eure diesbezüglich wiederholt behauptete Opferrolle herbeiphantasiert ist.

Wir haben euch einmal 2010 aufgefordert, bezüglich eines Vortrags der Referentin Viktoria Waltz, aufgrund einiger problematischer Aussagen von ihr „für eine verantwortungsvolle Gestaltung des Vortrags zu sorgen“.

Ein anderes Mal  haben wir euch einen nachlässigen und ignoranten Umgang mit Antisemitismus vorgeworfen, und zwar 2005, als ihr Fritz Edinger als Moderator einer Veranstaltung eingeladen hattet, obwohl dieser gerade die wirklich üble antisemitische Hetzschrift „Blumen aus Galiläa“ herausgegeben (nicht verfasst) hatte – ein Buch, in dem Juden und Jüdinnen u.a. als „ein entkommener Golem, der unsere Welt überschwemmt“ beschrieben werden. Wir hatten euch aufgefordert, Edlinger als Moderator auszuladen; stattdessen hat ein Vertreter von euch bei einer öffentlichen Diskussion das Buch als „blumenhafte Sprache“ verteidigt. Unsere Kritik an einem solchen Verhalten bezeichnet ihr also heute noch als „Unterstellung ohne jede Grundlage“!

Dieser Satz bedeutet eine unglaubliche Ignoranz gegenüber antisemitischen Inhalten und eine Diffamierung von Engagement, das Antisemitismus bekämpft. Ihr führt damit fort, was ihr sowohl 2010 als auch 2005 betrieben habt – geändert hat sich an eurer Einstellung offenbar gar nichts.

Am Schluss gehen wir noch auf eine letzte Anspielung eurerseits ein: Nein, wir haben den Text auf eurer Homepage nicht entdeckt, weil wir nur nach Anlässen suchen, euch in „rechtes Licht“ zu stellen. Wenn ihr auch nur die geringste Ahnung von unserer Arbeit hättet, würdet ihr wissen, dass eine öffentliche, kritische Befassung mit der neonazistischen und rechtsextremen Szene unser Hauptanliegen ist. Umso alarmierter reagieren wir, wenn ein Autor, der uns bisher vor allem aus rechtsextremen Publikationen bekannt war, nun auf einer friedenspolitischen Webseite  veröffentlicht wurde, – und dann ja, dann sehen wir uns eine solche Homepage genauer an, egal ob sie von Rechten oder Linken gestaltet wird. Denn so abscheulich und menschenverachtend rechtsextremer Antisemitismus ist, er ist um nichts weniger bekämpfenswert, wenn er in der linken Szene verbreitet wird.

Mit freundlichen Grüßen, Mayday 2000 Graz, 30.3.2012

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