2011/02: Naziaufmarsch in Dresden erneut verhindert

„Wir gehen hier nicht weg!“

Am 19. Februar wurde erneut der größte Naziaufmarsch Europas in Dresden verhindert: Über 20 000 Menschen stellten sich mit Massenblockaden erfolgreich den Neonazis in den Weg.

Antifaschismus heißt Blockade

Schon 2010 hatten Tausende DemonstrantInnen den Neonazis, die in einem sog Trauermarsch die Lüge vom Dresdener „Bombenholocaust“ auf die Straße bringen wollten, einen Strich durch die Rechnung gemacht: Aufgrund von Blockaden des Kundgebungsorts mussten die Neonazis erstmals ihren Marsch absagen und frustriert die Heimreise antreten. Für 2011 gelobten die Kameraden Besserung und schworen auf ihren Webseiten, diesmal in jedem Fall marschieren zu wollen. Sie hatten sowohl die deutschen Gerichte als auch die staatlichen Behörden auf ihrer Seite: Das Oberverwaltungsgericht entschied am Vortag, dass den Neonazis ein Aufmarsch und mehrere Kundgebungsorte zu gewähren sei und die Polizei verpflichtet sei, dieses angebliche Recht in jedem Fall durchzusetzen.

Dabei zeigt allein eine Analyse der traditionellen TeilnehmerInnen aus Österreich, wer da beabsichtigte die Straßen entlang zu marschieren: eine Mischung aus ehemaligen VAPO-Kadern, Führungsfiguren des Neonazismus und neonazistischen Schläger, wie Gottfried Küssel, Franz Radl oder Gerhard Taschner…

Tausende Menschen wollten sich jedoch weder von Polizei noch von Gerichten einen neonazistischen Rummel aufzwingen lassen: Die Bündnisse „Dresden Nazifrei“, „No Pasaran“ und zahlreiche zivilgesellschaftliche und autonome Organisationen riefen wieder zu Massenblockaden auf. Der hinausposaunte „Großkampftag“ der Neonazis und das „Trennungskonzept“ der Polizei gerieten gleichermaßen zum Desaster:

Von in der Früh weg besetzten DemonstrantInnen aus Deutschland und benachbarten Staaten in der Dresdener Innenstadt strategisch wichtige Orte, um den Abmarsch der Nazis zu blockieren. Polizeikessel wurden durchbrochen, Straßensperren umgangen. Eine völlig überforderte Polizei versuchte, Unfähigkeit durch Brutalität auszugleichen und ging mit Schlagstöcken, Reizgas, Pepperballs und Wasserwerfern (bei Temperaturen unter 0 Grad!) auf die BlockiererInnen los. Doch 21 000 AntifaschistInnen, die es schließlich ins Zentrum geschafft hatten, lassen sich nicht so einfach von der Straße spülen oder prügeln. Die Menge – eine breite Mischung von Zivilgesellschaft und Linksradikalen, von Omis mit Isomatten, Autonomen und PolitikerInnen der SPD, der Grünen und der Linken – bewies Durchhaltevermögen und Phantasie.

Schließlich musste die Polizeiführung eingestehen, dass sie nicht in der Lage war, den Aufmarsch der Neonazis in der Innenstadt durchzusetzen: Die etwa 2000 RechtsextremistInnen, die sich seit Stunden die Füße in den Bauch standen, wurden eingesammelt und in den Stadtteil Plauen gebracht, wo ihnen eine Alternativroute zur Verfügung gestellt werden sollte. Doch innerhalb kurzer Zeit waren ihnen Tausende DemonstrantInnen dorthin gefolgt und umringten auch diesen Sammelpunkt. Die Polizei, die nicht mehr imstande war, irgendetwas zu unterbinden, erklärte daraufhin kurzfristig den polizeilichen Notstand und verfrachtete die wütenden Kameraden wieder in ihre Busse und Züge. Etwa 500 von ihnen wurden Richtung Leipzig geschickt mit dem Versprechen, dort demonstrieren zu dürfen, aber damit waren weder Hunderte kurzfristig mobilisierte AntifaschistInnen noch die Leipziger Stadtverwaltung einverstanden. Die Neonazis mussten unerrichteter Dinge wieder heimfahren und trösteten sich später in ihren Foren damit, dass sie zumindest ein paar Linke verprügelt und ein alternatives Wohnprojekt angegriffen hatten.

No pasaran – trotz allem!

In der Innenstadt von Dresden feierten die DemonstrantInnen ihren Sieg. Indessen suchte die Polizei nach Schuldigen für ihren kolossalen Misserfolg und fand diesen in den AntifaschistInnen: Die Polizeiführung schwadronierte von der „linken Gewalt“ (damit gemeint: einige Mülltonnen, die als Barrikaden angezündet wurden, um Aufmarschwege zu sperren) und wies beschlagnahmte Fahnenstangen vor. Der Angriff einer Gruppe von 100-200 Neonazis, die mit Steinen und Stöcken ein alternatives Wohngebäude angegriffen hatten, wurde hingegen verschwiegen. Mehr noch: Ein Video, das noch am Abend mehrere Zeitungen online stellten, zeigt, dass die Polizei tatenlos zusieht, während die Neonazis das Haus attackieren. Die Beamten regeln brav den Verkehr, um die Straße freizuhalten, in der die Neonazis unter dem Slogan „Wir kriegen euch alle!“ einen Steinhagel auf das Wohnhaus niedergehen lassen.

Der Frust der Polizei entlud sich schließlich gegen das Bündnis „Dresden NaziFrei“: Ein maskiertes Sondereinsatzkommando stürmte abends die Büroräumlichkeiten, trat die Türen ein, fesselte alle anwesenden MitarbeiterInnen, beschlagnahmte sämtliche Computer und Speichermedien und verhaftete vier AktivistInnen.

Doch die Bilanz ist trotz allem: Sie sind nicht durchgekommen – zum zweiten Mal ist „Europas größter Naziaufmarsch“ am aktiven Handeln Tausender AntifaschistInnen gescheitert.
Weil Tausende Menschen aus verschiedensten Zusammenhängen, Gruppen und Generationen über den symbolischen Protest hinausgegangen sind, und weil sie es weder den Gerichten noch den Behörden erlaubten, die Grenzen ihres Widerstands zu bestimmen. Und das ist etwas, das mensch sich auch einmal für Österreich wünschen würde, zum Beispiel beim nächsten WKR-Ball…

Dazu ein musikalischer Beitrag: Fatal für Nazis – Dresden 2011, by Antifaswingers
http://www.youtube.com/watch?v=5gBMNRnKD-Q

Eine Antwort zu 2011/02: Naziaufmarsch in Dresden erneut verhindert

  1. Pingback: Bericht: Dresden 2011 – Neonazisaufmarsch erneut verhindert | Mayday Graz

Kommentare sind geschlossen.