2010/02: Offener Brief betr. „Der Urbizid Jerusalems“

An das evangelische Bildungswerk Steiermark
sowie die VeranstalterInnen und MitveranstalterInnen von „Der Urbizid Jerusalems“

Von:
Mayday 2000 Graz
Grünalternative Jugend Steiermark
Sozialistische Jugend Graz

Graz, 21.2.2010

Betrifft: die Veranstaltung „Der Urbizid Jerusalems“ mit Viktoria Waltz am 3.3.2010
Sehr geehrte Damen und Herren vom Evangelischen Bildungswerk!

Liebe VeranstalterInnen und MitveranstalterInnen! 

Am 3.3. 2010 soll Viktoria Waltz zum Thema „Der Urbizid Jerusalems“ im Gemeindesaal der evangelischen Pfarrgemeinde sprechen. Uns liegen Informationen über die Referentin vor, die uns befürchten lassen, dass in dieser Veranstaltung Inhalte vermittelt werden, die dem Antisemitismus Vorschub leisten.

V. Waltz nutzt die Parteinahme für die palästinensische Bevölkerung, um Geschichtsfälschungen und unbelegte Propaganda zu verbreiten und bewegt sich vor allem mit ihren Aussagen über eine „weltweit agierende Israel Lobby“ an der Grenze zum offenen Antisemitismus.

Wir möchten Ihnen die nachfolgenden Informationen zukommen zu lassen – von denen wir nicht annehmen, dass Sie Ihnen/Euch bekannt sind – mit dem dringenden Appell, für eine verantwortungsvolle Gestaltung des Vortrags zu sorgen, z.B. durch ein entsprechendes Korrektiv am Podium.
I Die folgenden Zitate von V. Waltz beinhalten antisemitisch konnotierte, verschwörungstheoretische Szenarien, pauschale Verurteilungen des israelischen Staates (einschließlich seiner Entstehung, dabei völlige Ausblendung der Shoah und des Antisemitismus) und extreme Einseitigkeit

„Es bleibt zu hoffen, dass man nicht glauben muss, dass deutsche Regierungspolitiker in der Hand pro israelischer Gruppen und abhängig sind von neudeutschen, neuzionistischen ‚AIPACS‘ wie in den USA und die in diesen Kreisen vorhandene Islamophobie und Kriegshetze gegen Iran und andere Länder mittragen werden.“ (V. Waltz, Dortmund 22.7.09, www.ipk-bonn.de/downloads/FeliciaLanger.pdf)

„Warum hören wir kaum eine fundierte Kritik und zweifelnde, Partei nehmende Stellungnahme gegen Unrecht, während in den europäischen und auch den amerikanischen Medien Hintergründe und Aufdeckungen jede Menge zu erhalten sind: Clintons Wahlkampf durch die israelische Arbeitspartei mitfinanziert, Bushs Wahlkampf durch den Likud-Block; fast die Hälfte der amerikanischen Regierungsmitglieder sind Doppelstaatler, Israelis und Amerikaner […]“ (V. Waltz: Will uns die Presse nicht informieren, Sozialistische Zeitung April 2002)

„…aber der zionistische Staat Israel bewegt sich außerhalb aller Gesetze und bekommt dafür noch Geld und Waffen aus den USA und Europa, voran aus Deutschland. Der grausame Holocaust, bzw. das ’schlechte Gewissen Europas‘ wie Ilan Pappe es nennt, sind – neben den Ölinteressen der USA in der Region -immer wieder die besten ‚Versicherungspolicen‘ für Israel, um dies zu erzwingen und Stimmen gegen die Menschenrechtsverletzungen Israels zum Schweigen zu bringen.“ (veröffentlicht von V. Waltz 27.1.10, http://zionismus-israel-raumplanung.blogspot.com)

„Niemand hat den Mut, Israel zu sagen, was es ist: Ein ‚Monsterstaat‘, der sich auf Kosten des sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Lebens eines anderen Volkes immer mehr ausbreitet und dessen Kultur zerstört. Niemand ist bereit, dies zu verhindern, ja, Europe entschuldigt sich noch dass es überhaupt Kritik am Sieldungsausbau zu äussern gewagt hat?“ (veröffentlicht von V. Waltz 17.8.09, http://zionismus-israel-raumplanung.blogspot.com)

„Wer ein Moratorium aller Wirtschafts- und Militärhilfe an Israel fordert, wer wie internationale Gruppen selbst in Israel fordert, sich einem Boykott israelischer Waren wie einst zum rassistischen Regime in Südafrika erfolgreich praktiziert, anzuschließen, um vor der Welt auszudrücken, dass das zionistische Regime und seine Kolonisierungspolitik in Palästina das Problem für Frieden und Sicherheit im Nahen Osten ist – der wird des Antisemitismus beschuldigt.“ (veröffentlicht von V. Waltz 5.3.09, http://zionismus-israel-raumplanung.blogspot.com)

 „Warum hören wir nie etwas über die Beweggründe der Selbstmordattentäter? Weil sie immer gleich erschossen werden, damit sie gar nicht erst sprechen können aus welchem Lager und welchem Teil Palästinas sie ursprünglich kommen, was ihren Vätern, Müttern, Geschwistern und Freunden so lange sie zurückdenken können geschah und in den letzten 50 Jahren?“ (Der Nahost-Konflikt und die Medien, 2002)

„Die Führenden Kräfte in der Zionistischen Weltorganisation, aber auch die europäischen Regierungen und die USA müssen sich verantworten für ihre unabdingbare Unterstützung des Völkermords an den Palästinensern und der Kriegsverbrechen Israels durch ihre seit 1948 andauernde finanzielle, militärische und politische Hilfe.“ (veröffentlicht von V. Waltz am 6. Januar 2009, http://zionismus-israel-raumplanung.blogspot.com).

Über die Hamas: „Eine Bevölkerung von 1,5 Millionen wird seit Jahren unter Arrest genommen, kollektiv bestraft für eine Regierung, die von ihr gewählt wurde (und nicht nur in Gaza), weil sie nicht so korrupt schien wie die vorherigen, weil sie Widerstand und nicht Kollaboration mit Israel und Amerika versprach, und weil sie sich auch für Verhandlungen bereit erklärte, aber ohne Vorbedingungen und mit aufrechtem Gang.“ (veröffentlicht von V. Waltz am 26.12.08, http://zionismus-israel-raumplanung.blogspot.com)

„Die Liste der Verbrechen ist lang und beginnt mit dem ‚Kolonisierungsbeschluss‘ der Zionistischen Bewegung in Basel 1897, als Vorläuferorganisation Israels hauptverantwortlich für die Besetzung eines fremden Landes und die Vertreibung und Unterdrückung der autochthonen Bevölkerung, der Palästinenser. Viele Zeitzeugen sind nicht mehr, es ist Eile geboten, den Zeugenstand mit den Opfern der frühen Verbrechen zu besetzen, die Israels Übergriffe auf das palästinensische Volk seit dem Beginn der planvollen Kolonisierung erlitten haben. Damals waren es die Vertreter der Zionistischen Bewegung und der Jüdischen Agentur, Vor-Vertretung Israels in der englischen Mandatszeit.“ (veröffentlicht von V. Waltz am 27.3.09, http://zionismus-israel-raumplanung.blogspot.com)

II V. Waltz verbreitet Falschinformationen über Verbrechen der israelischen Armee, die im Widerspruch zu den Ergebnissen von Untersuchungen der UNO und von Menschenrechtsorganisationen stehen

Beispiel:
So lautete der Endbericht der UNO und der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zum Vorgehen der israelischen Armee in Jenin, dass dort 52 Menschen von der Armee getötet worden waren, davon etwa die Hälfte ZivilistInnen, dass sich außerdem Israel weiterer Verbrechen wie der Zerstörung von Häusern schuldig gemacht habe, dass aber dort definitiv dort kein Massaker stattgefunden habe. V. Waltz erklärte 2002: „Die Israelis sind dazu übergegangen, Leichen in die Abfallgruben zu schleppen, aber über 800 Leichen […] sind in LKW’s abtransportiert worden nach Norden und dort in einem anonymen Friedhof in Massen vergraben worden. […].“ (Bericht aus Jerusalem, auf friedens-netzwerk.de, April 2002)

Nach wie vor und jetzt erwiesenermaßen wider besseres Wissen veröffentlicht sie zu Jenin Meldungen wie die folgende: „Die Golani Brigade war die Nummer 1 in der sog. Operation Defensive Shield, 2002, als die Flüchtlingslager Jenin und Tulkarem besetzt und grausam Hunderte Zivilisten getötet, tausende Häuser zerstört und ganze Familien unter ihren Häusern begraben wurden.“ (veröffentlicht von V. Waltz am 6. Januar 2009)

Wenn jemand im Wissen über die Ergebnisse unabhängiger Untersuchungen Lügen verbreitet, so kann das nur als verantwortungslose Propaganda bezeichnet werden

III Unkritische Verbreitung von Berichten über israelische Verbrechen auf der Grundlage völlig unseriöser Quellen

Waltz gibt Bericht über israelische Kriegsverbrechen ohne jegliche kritische Distanz gegenüber palästinensischen Quellen wieder, ohne jegliche Belege unabhängiger oder seriöser Menschenrechtsgruppen, etwa als sie behauptete, israelische Spezialtruppen würden „sich mit UN- und palästinensischen Ambulanzen ‚bewaffnen‘, um unerkannt‘ in die Flüchtlingslager zu gelangen und dort wahllos zu töten – auch Ärzte, Helfer und Verletzte?“ (Der Nahostkonflikt und die Medien, 2002)

IV In Bezug auf ihre historischen Ausführungen überschreitet V. Waltz die Grenze zur Geschichtsfälschung

In ihren schriftlichen Ausführungen stellt V. Waltz den Krieg 1948, der unbestritten von den arabischen Staaten als Angriffskrieg geführt wurde, als Verteidigung gegen eine militärische Aggression Israels dar:

„Das Jahr 1948 … wurde zum Alptraum der Palästinenser und zum Siegeszug der zionistischen Bewegung. Wie wir heute wissen, haben die militärisch organisierten und gut ausgerüsteten Falken in der zionistischen Bewegung damals die Strategie bestimmt und mit gezielten militärischen und Terroroperationen die Vertreibung eines großen Teils der palästinensischen Bevölkerung die die Zerstörung ganzer Dörfer und Kleinstädte eingeleitet, gegen die auch eine arabische Armee, die den Palästinensern zu Hilfe kommen wollte, nichts auszurichten vermochte.“ (Viktoria Waltz: Israel – Palästina. Ein Siedlerstaat im Spiegel der Raumordnung und Raumplanung.S. 150)

In ihrem historisch unhaltbaren Versuch, eine von langer Hand geplante Vertreibung der PalästinenserInnen bereits Theodor Herzl zu unterstellen, operiert V. Waltz mit verfälschten Zitaten. ´

Ein Beispiel:
Waltz zitiert Herzl so: „Wenn Jerusalem je unser werden sollte, und wenn wir dazu noch in der Lage wären, etwas zu ändern, dann würde ich damit beginnen, die Stadt zu säubern. Ich würde alles entfernen, was nicht heilig ist, … die schmutzigen Rattenlöcher leeren und niederreißen, alle nichtheiligen Ruinen abbrennen und die Märkte verlegen lassen.“ Das tatsächliche und vollständige Zitat aus Herzls Tagebüchern lautet jedoch: “Alles was nicht Heiligtum ist, ließe ich räumen, würde Arbeiterwohnungen außerhalb der Stadt errichten, die Schmutznester leeren, niederreißen, die nicht heiligen Trümmer verbrennen und Bazare anderswohin verlegen. Dann unter möglichster Beibehaltung des alten Baustils eine komfortable, ventilierte, kanalisierte neue Stadt um die Heiligtümer herum errichten.” (Tagebücher 31.10.1898)

Dadurch stellt sie ein Modernisierungsprojekt des 19. Jhds. als einen Säuberungsplan in der Tradition der „ethnischen Säuberungen“ des 20. Jhds. dar.

V Zudem betreibt sie eine äußerst selektive Darstellung der historischen Ereignisse

Da sich V. Waltz nicht auf eine Kritik an der israelischen Politik beschränkt, sondern den Staat Israel in seiner gesamten Entstehungsgeschichte attackiert, führt dies zu einer extrem einseitigen Darstellung der Geschichte.

Die Entstehung Israels wird ausschließlich als koloniales Projekt dargestellt, was durch entsprechende Zitate aus der zionistischen Bewegung belegt werden soll. (wobei nicht erwähnt wird, dass nationalistische und kolonialistische Denkweise etwa im 19. /20. Jhd. in allen Nationalbewegungen anzutreffen sind). Der Antisemitismus als ebenfalls wesentliches Element bei der Entstehung Israels und die Shoah als letztentscheidendes Motiv wird in vielen ihrer Texte vollkommen ausgeblendet.

Es gibt von ihr keine einzige kritische Aussage, die an palästinensische oder andere arabische AkteurInnen gerichtet wäre. Statt dessen werden die Selbstmordattentate und Raketenangriffe (die selbstverständlich nicht die israelische Besatzungspolitik rechtfertigen) als „bestimmte Aktionen von radikalen und militanten Gruppen auf palästinensischer Seite“ verharmlost. (Viktoria Waltz: „Israel-Palästina. Ein Siedlerstaat im Spiegel der Raumordnung und Raumordnung“, S.158). Damit gelangt V. Waltz schließlich auch zu einer pauschalen Verurteilung des Friedensprozesses.

Zitate:

„Die Enteignung und Vertreibung der Palästinenser ist seit langem geplant und beabsichtigt, sie ist Teil der kolonialen und imperialistischen Interessen der Industrieländer, vor allem der USA und Europas – wir sind mit verantwortlich.“

„Israel ist ein rassistischer Staat, der nie seine Grenzen bestimmt hat, nur Waffenstillstandslinien kennt, der auf mittelalterlichen religiösen Grundfesten steht, keine für alle Bürger gültige Verfassung besitzt und in seiner täglichen Praxis in Gefängnissen, an Check Points, bei Angriffen zu Luft und Wasser gegen Menschenrecht und internationales Recht verstößt.“

„Es geht immer noch um‘s Ganze: Illusionen sind fehl am Platze –  der Friedensprozess war ein Versuch, die Palästinenser offiziell an der Gestaltung ihres Elends und Untergangs zu beteiligen. Dies ist gescheitert, deshalb ist ein Bürgerkrieg das, was übrig bleibt und das Beste für Israel und die Imperialen Interessen.“

(Skriptum von V. Waltz, Universität Dortmund 2006)

Das Problem bei V. Waltz ist somit nicht die Parteinahme für die palästinensische Seite und nicht einmal die einseitige Darstellung eines nationalstaatlichen Konflikts, sondern die Illegitimität der Mittel, zu denen sie greift.

Es ist unzulässig, mit Geschichtsfälschungen und propagandistischen Falschinformationen zu agitieren, wie es V. Waltz getan hat. Daher halten wir es für nicht vertretbar und für verantwortungslos, einer solchen Referentin allein ein Podium zu überlassen. Korrektiv bedeutet in diesem Fall nicht die Gegenüberstellung zweier nationalisierender (einseitiger) Sichtweisen, sondern der klare Widerspruch zu den von uns kritisierten inhaltlichen und methodischen Manipulationen.

Wir sind der Meinung, dass jede/r Veranstalter/in eine Verantwortung trägt für die Inhalte, die in dieser Veranstaltung vermittelt werden. Wenn es z.B. eine kritische Auseinandersetzung mit islamistischen Organisationen gibt, so haben die VeranstalterInnen dafür Sorge zu tragen, dass nicht Vorurteile gegenüber Muslimen und Musliminnen verstärkt werden. Genauso müssen aber jene, die sich kritisch mit dem Vorgehen eines Staates befassen, der in der Öffentlichkeit als Staat der Juden und Jüdinnen wahrgenommen und von der Referentin explizit als solcher bezeichnet wird (so spricht V. Waltz wiederholt von der „Judaisierung Palästinas“), sicherstellen, dass nicht antisemitischen Vorurteilen Vorschub geleistet wird.     

Mit freundlichen Grüßen, 

Mayday 2000 Graz  (mayday-graz@gmx.at, für Mayday 2000 Graz: Ines Aftenberger)

Grünalternative Jugend Steiemark (office@gaj-stmk.at, für die GAJ Stmk: Tobias Schweiger)

Sozialistische Jugend Graz (info@sj-graz)

Advertisements