2005/10 (Falter): Ein rechter Steirer

Der steirische Stocker-Verlag, eines der größten Verlagshäuser Österreichs, wurde von der steirischen Politik trotz ewiggestriger Publikationen mit Ehrungen überhäuft. Nun wurde Verlagschef Wolfgang Dvorak-Stocker wegen Wiederbetätigung angezeigt. Porträt eines steirischen Verlages.

Seit der Gründung 1917 ist die Ausrichtung des Leopold Stocker Verlages beim Alten geblieben: Im Bescheid, in dem Leopold Stocker seinerzeit die Konzession erteilt wurde, ist die Rede von „landwirtschaftlichem Schrifttum“ als Hauptzweig, aber auch von „deutschvölkischem Schrifttum“. Letzteres brachte dem „national“ denkenden Wolfgang Dvorak-Stocker Vorwürfe von Antisemitismus, Rassismus und zuletzt sogar eine Anzeige wegen Wiederbetätigung seitens der Grünen ein. Selbst die Kleine Zeitung fragte, ob es angemessen sei, dass der Verlag das steirische Wappen führt.
Die familiäre Tradition wird im Hause Stocker groß geschrieben. Porträts des Verlagsgründers Leopold, seiner Kinder Ilse und Wolfgang hängen an den Wänden des Büros von Verlagsleiter und Gründer-Enkel Wolfgang Dvorak-Stocker. Mutter Ilse hatte den Verlag bis in die frühen Neunziger jahrzehntelang geleitet. Onkel Wolfgang fiel 1944: Er hatte – so eine Stocker-Jubiläumsschrift – „auch aus eigenem Erleben“ die Fortführung des Verlags als echte Lebensaufgabe empfunden. Neffe Wolfgang, Jahrgang 1966, vermittelt da einen ganz ähnlichen Eindruck. Und selbst Dvorak-Stockers Brillen anno 2005 ähneln frappant jenen des Onkels aus den frühen Vierzigerjahren.
Mit einem Jahresumsatz von fast zehn Millionen Euro, fast 400 lieferbaren Titeln und als Herausgeber von Fachzeitschriften zählt der Verlag zu den größten Österreichs. Der naturnahe Teil – Agrar-, Tier-, Jagd- und Kochbücher – ist nach wie vor das ökonomische Herzstück. Er wird in der Landwirtschaftsszene als fachlich korrekt beurteilt und verkauft sich mit Titeln wie dem „Agrarrebellen“ von Sepp Holzer teils blendend. Und auch die zweimal monatlich erscheinende Zeitschrift Der fortschrittliche Landwirt verfügt über 35.000 Abonnenten.
Abgesehen davon wird aber konsequent Rechts- bis Rechtsaußenliteratur verlegt: Otto Scrinzis Memoiren, Rudolf Heß‘ Sohn Wolf Rüdiger und sein „Ich bereue nichts“ oder auch „Diabolische Verse“ aus Wolf Martins „Giftschränkchen“. Außerdem hält Dvorak-Stocker zehn Prozent an Andreas Mölzers rechter Postille Zur Zeit. Seit fünf Jahren gibt er die Zeitschrift Neue Ordnung heraus, der von Kritikern vorgeworfen wird, dass sie auch antisemitische und rassistische Texte veröffentlicht. Dies bestreitet Dvorak-Stocker freilich. Aber warum hat man nie nationalsozialistische und antisemitische Facetten aufgearbeitet? Etwa Leopolds Tätigkeit als NS-Vertrauensmann des Buchhandels in der Steiermark, der zudem flott NS-Jubelliteratur wie Anton Steiningers Anschlusstrilogie publizierte. Oder Karl Paumgarttens erstmals 1921 verlegte und 1936 bzw. 1942 neu aufgelegte Kampfschrift „Juda“, die unzweideutig mit „Die Juden müssen vernichtet werden“ schließt. Dvorak-Stocker gibt sich im Falter-Gespräch zerknirscht: Das höre er zum ersten Mal, er habe gedacht, dass derartige antisemitische Werke nur in den Zwanzigerjahren verlegt worden wären. Auch sei es ein Fehler gewesen, dass nicht früher auf problematische Punkte der Verlagsgeschichte eingegangen worden sei. Zum neunzigsten Jubiläum 2007 werde dies passieren.
Mutter Ilse vertritt laut einem Insider ein bürgerlich-großdeutsches, aber keinesfalls nationalsozialistisches Weltbild. Die Verlagsleitung habe sie kaum aktiv gestaltet, sondern die jeweiligen Verlagsdirektoren nach deren Gutdünken walten lassen. Zu einer Distanzierung von braunen Flecken der Verlagsvergangenheit konnte sie sich nie aufraffen. Was dazu führte, dass ihr etwa die deutsche, als rechtsextrem geltende „Gesellschaft für freie Publizistik e.V.“ 2002 den Ulrich von Hutten Preis verlieh. Rechtsaußen Scrinzi hielt die Laudatio und lobte die Hinwendung zur Zeitgeschichte „in bestem revisionistischen Geiste“.
Von der offiziellen Steiermark wurde der Verlag mit Ehrungen überhäuft. Ex-Landeshauptmann Josef Krainer jun. überreichte 1989 das Goldene Ehrenzeichen des Landes und sprach von einem „später missgedeuteten national-liberalen Geist des Gründers“. Den Festvortrag hielt Vizekanzler a. D. und Stocker-Autor Josef Riegler. Seit dem 75-Jahr-Jubiläum 1992 darf der Verlag zudem das steirische Wappen führen. 2002 überreichte Waltraud Klasnic das Goldene Ehrenzeichen der Republik. Heuer forderten die Grünen die Aberkennung des Wappens, fanden jedoch weder bei ÖVP, SPÖ noch FPÖ Unterstützung. Für die SPÖ begründet Kultursprecherin Ilse Reinprecht das damit, dass das Wappengesetz dies nicht erlaube – was strittig ist. Die SPÖ verfolge aber eine Gesetzesänderung.
Wolfgang Dvorak-Stocker vermittelt einen bemüht korrekten Eindruck. Er erachte ihn für einen anständigen und gläubigen Menschen, dem er des Öfteren bei der sonntäglichen Nachmittagsmesse im Grazer Dom begegne, erklärt Nationalrat Vincenz Liechtenstein. Überliefert ist Dvorak-Stockers Angewohnheit, in Lokalen mit Tischgebeten vor der Mahlzeit aufzufallen. Insider schätzen ihn weniger als Rechtsaußen ein denn als jemand Verschrobenen, sein Denken als Amalgam aus bodenständig-ländlich, klerikal-konservativ und deutschnational. Sein Verlag soll sehr sozial geführt sein. Im Gespräch mit dem Falter gibt Dvorak-Stocker den rechten wie katholischen Intellektuellen, der sich der Debatte stellt. Allerdings agiert er auf eine für die Szene typische Art: Er trifft bzw. veröffentlicht Aussagen, deren Botschaften recht eindeutig sind, die aber oft nicht klar formuliert und thematisch weit ausholend argumentiert werden. Dies erschwert den Nachweis etwa des Rassismus.
Im Umgang mit Kritikern kann der Verlagschef die feine Klinge beiseite legen. Wohl ein Grund, dass aus der steirischen Verlagswelt von mehreren Befragten niemand bereit war, Verlag oder Person öffentlich zu kommentieren. Weder vom steirischen Landwirtschaftskammerpräsidenten Gerhard Wlodkowski noch von Riegler waren aussagekräftige Stellungnahmen zu haben. Kritiker, die etwa behaupten, in der Neuen Ordnung würden laufend Autoren aus der rechtsextremen Szene veröffentlichen, werden munter geklagt. Politische Aktivisten klagte Dvorak-Stocker ebenso wie die israelitischen Kultusgemeinden von Graz und Wien. Als einer der Autoren dieser Zeilen 1993 fragte, ob es sinnvoll sei, den Holocaust-Leugner David Irving zu verlegen, bezeichnete Dvorak-Stocker diese Frage als „besten Weg zum IM des Stasi oder zum Gestapospitzel“. Worte, die er nun zurücknahm. Er sei durch die Prozesse und Gespräche sensibilisierter geworden.
Wohl als Konsequenz der Debatten hat Dvorak-Stocker den nach dem griechischen Gott des Kriegs benannten Ares-Verlag gegründet, zu dem nun die Neue Ordnung gehört und in dem das politisch-historische Programm stattfinden soll: Nomen könnte omen sein. Leider, so der Verlagschef, seien für den Namen nicht mehr viele griechische Götter frei gewesen.

Anstoß erregt Dvorak-Stocker, Leiter des Stocker-Verlags, vor allem mit Texten, die er in der Zeitschrift Neue Ordnung (NO) veröffentlicht. Kritiker sehen viele Artikel als fremdenfeindlich oder antisemitisch. Die Ausgabe 1/05 veranlasste die Grünen, ihn wegen Wiederbetätigung anzuzeigen. Es finden sich darin Passagen wie: „Je mehr ich über das Dritte Reich nachdenke, umso klarer erscheint es mir als eine geniale Improvisation, die nach beispiellosen Erfolgen in sich zusammensackte …“ Oder: „Sollten wir uns in der Postmoderne (…) eines Tages auf die positiven Seiten des Dritten Reiches (…) besinnen, stellt sich (…) die Frage nach ihrer Handhabung.“ Dvorak-Stocker weist die Vorwürfe strikt zurück. In einem Gerichtsverfahren ließ er gar wissen, die NO publiziere im Gegenteil „Texte mit dem Anliegen, etwaige, bei ihrer Leserschaft noch vorhandene, antijüdische Stereotype aufzulösen“.

http://www.falter.at/web/print/detail.php?id=163

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