2005/03 (mUNItion): Verlagsarbeit im Dienst von Rechtsextremismus

… leistet ein Grazer Verlag und trägt trotzdem eine offizielle Auszeichnung: auf Wunsch von ÖVP, FPÖ und – der steirischen SPÖ.

AutorInnen aus dem „Who is who“ des Rechtsextremismus, eine Zeitung mit rassistischen Texten, offene Glorifizierung faschistischer Bewegungen – all das bietet der in Graz ansässige Leopold Stocker Verlag seinen KundInnen. Da dieses Unternehmen seit 1992 das sogenannte steirische Landeswappen führt, das Firmen für „besondere im Interesse des Landes gelegene Leistungen“ verliehen wird, stellten im Vorjahr einige Abgeordnete den Antrag auf Aberkennung der Auszeichnung. Doch dieses Vorhaben stieß nicht nur auf Widerstand von ÖVP und FPÖ, sondern befremdenderweise auch auf den der SPÖ. Bekämpfung von rechtsextremem Gedankengut scheint auch Voves und Co kein Anliegen mehr zu sein.
Hinter dem sorgsam gepflegten Image eines auf Bienenzucht und Forstwirtschaft spezialisierten Verlages steht mit dem Leopold Stocker Verlag in der Hofgasse 5 ein Unternehmen, das sich seit seiner Gründung der Förderung von antisemitischen und rechtsextremen AutorInnen widmet. 1920 erntete der Gründer Leopold Stocker – der spätere Vertrauensmann der NSDAP für den steirischen Buchhandel – mit seiner Forderung nach Ausweisung der „Ostjuden“ den Beifall des deutschnationalen steirischen „Bauernbundes“: „[…] und wenn es nicht auf gesetzlichem Weg gehen sollte, diese Parasiten zu vertreiben, dann müssen andere Mittel gefunden werden, und wenn es der Progrom ist …“
Nach 1945 verlegte der überzeugte Antisemit weiterhin SchriftstellerInnen, die unter dem NS-Regime ihre Erfolge gefeiert hatten und nun „verlegerisch heimatlos“ geworden waren, wie der Verlag erklärte. In den letzten Jahren veröffentlichte der Verlag unter anderem Bücher von folgenden AutorInnen: von David Irving, der den Holocaust als einen „Mythos“ und Auschwitz als eine „Attrappe“ bezeichnet; von Friedrich Romig, der in der rechtsextremen Publizistik laufend behauptet, es gebe eine jüdische „Weltherrschaft“; von Andreas Mölzer, dem hinreichend bekannten Agitator gegen „Umvolkung“ und „Schmelztiegeln verschiedenster Rassen“; von Fritz Becker, Autor der neonazistischen „Huttenbriefe“; von Otto Scrinzi, Rechtsextremist und ehemaliger SA-Sturmführer; vom neorassistischen Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt; von Caspar Schrenck-Notzing, dem Vertreter der deutschen Neuen Rechten, dessen Bücher sich gegen die „Umerziehung“ (Zitat) des „deutschen Volkes“ wenden …
Der Buchversand des Stocker Verlags, die „Bücherquelle“, vertreibt weiters Bücher von Rechtsextremen wie von Jean Marie Le Pen (Front National), Franz Schönhuber (Republikaner) oder Jürgen Schwab (NPD).
Mit seinen Verlagstexten ergreift der Stocker Verlag eindeutig Partei: Das Buch von Herbert Taege „Die Hitler-Jugend“, in dem der Autor gar eine „Kriegserklärung“ des „Weltjudentums“ (Zitate von Taege) an Nazi- Deutschland behauptet, empfiehlt der Verlagstext so: „Ohne die Augen vor der geschichtlichen Wirklichkeit des Dritten Reiches zu verschließen, schildert er [der Autor] den Idealismus der Jugend und den Geist, der diese Organisationen prägte …“. Passenderweise erschien diese Empfehlung in einem Inserat des Verlags in der Zeitung der rechtsextremen deutschen Burschenschaft „Danubia“.
Eine neu gegründete Verlagsgruppe von Stocker, der „Ares Verlag“, soll sich künftig hauptsächlich dem politischen Buch widmen. Diese politische Arbeit stellt der Stocker Verlag euphemistisch als „im wohlverstandenen konservativen Geist“ dar. Was er unter dem Attribut „konservativ“ versteht, offenbarte er dankenswerterweise in der „Neuen Ordnung“, der Vierteljahreszeitung, die der Verlag herausgibt: Darin erklärte der Schriftleiter der „Neuen Ordnung“, die „NPD der 60er Jahre“ und die „Republikaner“ der 80er Jahre seien eine „durchaus bürgerlich-konservative Kraft“ gewesen. Alles klar!

Neue alte Ordnung?

Ganz im Sinn der genannten Parteien schreibt denn auch die „Neue Ordnung“: Regelmäßig publizieren dort AutorInnen aus der rechtsextremen Szene, die „Neue Ordnung“ verbreitet rassistische und antisemitische Texte sowie geschichtsrevisionistische Artikel, in denen etwa die Opferzahlen des Holocaust in Frage gestellt werden. In der Nr. 2/04 erschien rassistische Stimmungsmache als Gedicht: „Deutscher, laß die Kathedralen als Moscheen neu erstrahlen / oder sich zu Tempeln mausern – darfst nicht mit dem Erbe knausern! / Als Bereicherung empfinden, mußt du, wenn sie dir entwinden / Boden, Haus und Werk der Ahnen, um mit Mälern dich zu mahnen. […] Deutscher, pfeif auf deine Alten, sollen sich doch selbst erhalten! / Und als Regel gilt nicht minder: Ja nur keine eignen Kinder! / Hol ins Land dir Putzer, Feger, Händler, Dirnen, Söldner, Pfleger / wirst am Ende gar nicht sehen, wie sie dir am Schläuchlein drehen…“
In der selben Ausgabe war ein verherrlichender Artikel über den rumänischen Faschistenführer Corneliu Z. Codreanu und die von ihm gegründete „Legion Erzengel Michael“ (seit 1930: „Eiserne Garde“) abgedruckt: Über jene „Eiserne Garde“, die eine radikal-antisemitische und pro-nationalsozialistische Politik vertrat, die sich 1940 am deutschen Marionetten-Regime unter General Ion Antonescu beteiligte und die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung durchführte.

Aktiv in der rechtsextremen Szene

Geschäftsführer Dvorak-Stocker fördert finanziell das Blatt „Zur Zeit“ von Andreas Mölzer, das noch heute in schamloser Offenheit den Juden und Jüdinnen Gottesmord vorwirft, Ritualmordlegenden wiederholt, und vor jüdischer „Weltherrschaft“ und „Judaisierung“ der Welt warnt. Im Dezember 2004 veranstaltete der Stocker Verlag eine Buchvorstellung mit Otto Scrinzi im Grazer „Gothensaal“. 2002 referierte Dvorak-Stocker bei der deutschen rechtsextremen „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP) und erklärte dabei unter anderem:
„Und wenn wir an die heute verlorenen deutschen Ostgebiete denken und diese im Sinne des mythischen Verständnisses der Nation weiterhin als Auftragsraum unseres Volkes betrachten, bietet die Reichsidee wiederum den vielleicht einzigen realistischen und politisch verwirklichbaren Weg ihrer Wiedergewinnung. […] Die einzige wirkliche Frage ist hier die der biologischen Substanz, die ein Volk ausmacht. Wenn diese biologische Substanz der Deutschen durch Einwanderung und Multikultur verändert wird, dann findet der nationale Geist […] auch keine Substanz mehr vor, um lebendig zu werden, und sein Ende ist gekommen.“
2002 erhielt die Senior-Chefin des Verlags, Ilse Dvorak-Stocker, den „Ulrich von Hutten Preis“ der GFP, und Otto Scrinzi würdigte sie in einer Laudatio: „Sehr früh wandte man sich der Zeitgeschichte in bestem revisionistischen Geiste zu. Diese sich ständig ausweitende Sparte des Verlages erfreut sich natürlich des besonderen Zuspruches unseres Gesinnungskreises und sichert ihr unsere große Dankbarkeit.“

Nicht ohne offizielle Auszeichnung …

Die Stellungnahme der steirischen Landesregierung (einstimmiger Beschluss vom 31. Jänner 2005) weist die Forderung nach Aberkennung des „Landeswappens“ mit Hinweis auf die zahlreichen landwirtschaftlichen Bücher, den hohen Exportanteil und auf die Zahl herausgebrachter Buchtitel zurück. Diese „Umstände“ seien „weiterhin aufrecht“, heißt es. Dass die vielen bienen-, enten und kuhspefizischen Werke jene Gewinne erwirtschaften, mit denen auch ein Romig und eine „Neue Ordnung“ finanziert werden, ist den steirischen PolitikerInnen offenbar gleichgültig. Dass die Zahl herausgebrachter Werke zugleich für die Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts steht, auch.
Von der FPÖ war nichts Anderes zu erwarten. Von der ÖVP seit dem schwarzblauen Zusammengehen wohl auch nicht, ob wohl sie damit nicht jene Konservativen vertritt, für die dieses Wort kein Tarnmantel für rechtsextreme Gesinnung ist. Aber welche opportunistischen Überlegungen haben die SPÖ dazu getrieben, diese Stellungnahme mitzutragen?
Das Landeswappen an der Tür eines Verlages, der dem sehr wohl „verstanden Geist“ des Gründers noch heute die Treue hält – dafür werden künftig die Parteien miteinander einschließlich der SozialdemokratInnen stehen.

Quellen: http://www.doew.at/; weiters: Herbert Tage, Die Hitler-Jugend, S. 37., Festschrift des Leopold Stocker Verlags 1992, Tagespost vom 5.10.1920, Österreichische Verlagsgeschiche auf: http://www.stadtbibliothek.wien.at/, gedruckte Verlagsprogramme von Stocker, 3/04 der NO, 2/04 der NO, Gesellschaft für Freie Publizistik e. V. (Hg.), Wege aus der Krise, Kongress- Protokoll 2002 (Rede von Dvorak- Stocker und Scrinzi), Danubenzeitung auf: www.no_brand.de/danubia/texte/ Danubenzeitung.

mUNItion März 05

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