2004/03: Der historische Ungeist des Leopold Stocker

Er gab ja durch die Auswahl der Werke die Antwort auf das Zeitgeschehen – im Sinne einer Analyse, einer Warnung oder Aneiferung! Sicher war Stocker von seiner Zeit im Ausdruck und Stil der Bücher bis zur Wahl der Schrift beeinflußt, aber ebenso war er bemüht, da und dort an dieser Zeit als Avantgardist mitzubauen, womit er sich erst wirklich das Anrecht auf den Verlegertitel erwarb. Er pflügte nicht nur in vorgearbeiteten geistigen Furchen nach, er zog selbst Furchen für andere!“

Mit solchen enthusiastischen Worten würdigte der Leopold Stocker Verlag in seiner Festschrift 1967 die Tätigkeit seines Gründers und Namensgebers.

Zweifelhafter Ruhm

Leopold Stocker erwarb sich in den 20er und 30er Jahren in der Tat einen zweifelhaften Ruhm durch seine „avantgardistischen“ Aktivitäten:

Als überzeugter Antisemit stellte er sein Verlagsprogramm von Beginn an in den Dienst des völkischen Nationalismus und der antisemitischen Propaganda. Nicht nur Belletristik mit Blut-und Boden-Ideologie erschien bei Stocker, er brachte auch antijüdische Hetzschriften heraus, die wohl zu den brutalsten und härtesten dieser Zeit zählen.

„…er zog selbst Furchen für andere!“

Beispielsweise verlegte er die Machwerke von Karl Paumgartten, der in der „Judenfibel“ Juden und Jüdinnen als „Köterrasse“ beschreibt und in der Schrift „Juda“ zur „heiligen Pflicht“ aufruft, die „Juden unschädlich zu machen“. Der Stocker Verlag bewarb diese abscheuliche Propaganda mit begeisterten Aufrufen an BuchhändlerInnen und LeserInnen: „Bestellen Sie reichlich! (…) Sie verdienen dabei und helfen mit, das deutsche Volk von seinem Krebsschaden befreien.“ Oder: „Der Kampf gegen die Allmacht Juda und die Aufklärung über diesen Schmarotzer am Mark des deutschen Volkes ist außerordentlich schwierig […] Daher ist die Verbreitung dieser Aufklärungsschriften ein Gebot deutscher Aufklärungspflicht. Solche Arbeit ist Antisemitismus der Tat.“

Schon 1920 forderte Leopold Stocker öffentlich die Ausweisung der „Ostjuden“ mit den Worten: „[…] Und wenn es nicht auf gesetzlichem Weg gehen sollte, diese Parasiten zu vertreiben, dann müssen andere Mittel gefunden werden und wenn es der Progrom ist.“

Leopold Stockers Engagement wurde vom NS-Regime belohnt:

1938 wurde Stocker vom kommissarischen Leiter des „Deutsch-österreichischen Buch-, Kunst- und Musikalienhandels“ zum Vertrauensmann für das Bundesland Steiermark ernannt. Seine Aufgabe: „die arischen buchhändlerischen Betriebe Ihres Bereiches einwandfrei festzustellen“.

In diesen Jahren ging die Saat in den „Furchen“, die er mit„gezogen“ hatte, auf furchtbare Weise auf…

Leopold Stocker blieb seinen Überzeugungen nach 1945 treu: SchriftstellerInnen, die unter dem Nationalsozialismus Erfolge gefeiert hatten, fanden bei ihm erneut eine verlegerische Heimat. Denn man sei „nicht bereit gewesen“ – so der Verlag – , auf die Verteidigung all jener Werte zu verzichten, die Generationen hindurch hochgehalten worden waren…“.

Auch der Verlag selbst, der noch immer im Familienbesitz ist, scheint Wert auf Kontinuität zu legen: In seiner Festschrift 1992 heisst es: „Aus dem wohlverstandenen Geist des Gründers wird der Leopold Stocker Verlag auch in Zukunft wirken.“

Impressum: Personenkomitee Mayday 2000- Keine Koalition mit dem Rassismus! Anschrift: Postfach 466, 8011 Graz. email: mayday-graz[at]gmx[dot]at

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