2009/09: Geschäft mit antisemitischer Hetze

Die gesamtgesellschaftliche Zunahme von Rassismus und Antisemitismus lässt Rechtsextreme immer offener Flagge zeigen: Noch vor Kurzem hatte sich der Leopold Stocker Verlag bemüht, seine antijüdischen Ressentiments in Form von Andeutungen und Codes zu äußern. Für weitergehende, offen antisemitische Aussagen hatte er einschlägige jüdische „Kronzeugen“ wie den orthodoxen Fundamentalisten Moishe Friedmann (der die Grenze zum religiösen Wahn schon vor Jahren überschritten hat) oder Gerard Menuhin, Kolumnist der rechtsextremen „Nationalzeitung“, bemüht.

Doch in letzter Zeit lässt Geschäftsführer Wolfgang Dvorak-Stocker offenbar sämtliche Hemmungen fallen. In der Zeitung seiner „Ares-Verlagsgruppe“, der „Neuen Ordnung“, wird nun unverblümt antisemitische Stimmungsmache betrieben. Den bisherigen Höhepunkt stellt ein Hetzartikel des deutschen Rechtsextremisten Hans-Dietrich Sander in der Ausgabe 1/2009 mit dem bezeichnenden Titel „Wer kann das Christentum noch vor der Judaisierung retten?“ dar.
Sander strapaziert in diesem Beitrag sämtliche antisemitischen Stereotype, indem er Juden und Jüdinnen Geschäftstüchtigkeit, Geldgier, Rachsucht und gesellschaftliche Allmacht unterstellt. Er schreckt nicht einmal davor zurück, in einem plötzlichen Anfall von religiösem Eifer den Vorwurf des Gottesmordes zu erheben und eine Chronik von „Christenverfolgungen“ zu behaupten. Der Artikel beginnt mit einer Relativierung der Shoah: Sander wiederholt die bekannten Aussagen der RevisionistInnen, nach denen die Geschichtsschreibung sich angeblich über die Zahl der Opfer nicht einig sei – eine Behauptung, die auch dann nicht wahrer wird, wenn sie noch so oft aufgestellt wird. Davon ausgehend behauptet er eine „Dogmatisierung des Holocaust“, von ihm als „Kanonisierung“ bezeichnet, die sich zu einer globalen „Ersatzreligion“ entwickelt hätte. Belege für diese angebliche Dominanz des Shoah-Gedenkens über sämtliche gesellschaftlichen Bereiche nennt Sander keine: Ein paar kritische Äußerungen von politischen und kirchlichen RepräsentantInnen über die Holocaustleugnung reichen dem rechtsextremen Paranoiker dazu offenbar. Als einen der Gründe für diese vermeintliche „Kanonisierung“ nennt die „Neue Ordnung“ die „beständige Geldabschöpfung“ durch Juden und Jüdinnen.
Danach lässt Sander seinem Antisemitismus aus der Mottenkiste christlicher FundamentalistInnen vollkommen freien Lauf: „Der tiefste Grund [für die erwähnte „Kanonisierung“] liegt in dem archaischen Rachebedürfnis, das im Alten Testament durch die Weisung gerechtfertigt ist, die Missetäter bis ins siebte und siebzigste Glied zu verfolgen“, wettert er und konstruiert einen Gegensatz zum Christentum: „Dem Christentum ist […] der Begriff der Kollektivschuld fremd.“
Sanders Antisemitismus vermag die gesamte Weltgeschichte zu erklären. Denn in Wirklichkeit, so fabuliert er im Artikel, sei der Umgang mit der Shoah nur Teil einer globalen, 2000 Jahre alten Strategie des „Judentums“, um das Christentum unter seine Kontrolle zu bringen: „Die archaische Kanonisierung ist schon schlimm genug. Noch verheerender ist ihre Vorgeschichte, nach der sie nur ein Instrument einer jahrhundertealten Strategie ist. Für das Judentum ist Jesus von Nazareth immer die größte Herausforderung gewesen. Seine Hohen Priester lieferten ihn ans Kreuz und setzten seine Jünger und Nachfolger Christenverfolgungen aus.“ Die jahrhundertelange Geschichte von Pogromen und Antisemitismus wird bei Sander zu einer Notwehr von angeblichen christlichen Opfern, die dem jüdischen „archaischen Rachebedürfnis“ ausgeliefert gewesen seien.
Richtig kritisch wurde es – gemäß der Sanderschen Paranoia – in der Nachkriegszeit. O-Ton: „Nach 1945 schien dem instransigenten Teil des Judentums der Zeitpunkt gekommen, das Christentum zu judaisieren…“ Sämtliche fortschrittlichen Entwicklungen innerhalb der Kirchen wie den interkonfessionellen Dialog, moderne Bibelinterpretationen, oder auch schlichte Verurteilungen des Holocaust deutet Sander als bewusste Strategie „des Judentums“, um das Christentum „ins Alte Testament zurückzuführen“. Dadurch sei das Gedenken an die Shoah zur weltbeherrschenden „Ersatzreligion“ geworden. Sander: „So hat sich das Christentum mit einer Ersatzreligion verbrüdert, die heute den Anspruch einer Zivilreligion erhebt und maßgeblich für die gesamte westliche Demokratie sein soll, sie in Wirklichkeit aber mit ihrem Inquisitionsgehabe delegitimiert.“
Die „Neue Ordnung“ beschwört damit nichts anderes herauf als das Phantasma einer „jüdischen Weltherrschaft“, und einer „jüdischen Christenverfolgung“. Die ersten Zeichen des Untergangs sind laut Sander bereits zu erkennen: „Aus dem Geist des Christentums sind einst das Völkerrecht und die Hegung des Krieges entstanden. Es ist kein Zufall, dass in der Zeit, in der die Juden, metaphorisch gesprochen, Jesus ein zweites Mal kreuzigen wollten, diese zivilisatorischen Höhepunkte der Weltgeschichte einbrachen.“
Sander schließt mit einer letzten Hetztirade: „Auch wenn die 6 Millionen stimmen, hätte das Judentum nicht das Recht, die Nachgeborenen bis ins siebte und siebzigste Glied zu verfolgen. Ein Christentum, das nicht mehr in der Lage ist, diesem archaischen Rachebedürfnis einen Riegel vorzuschieben, gibt sich selbst preis. Wer kann heute das Christentum noch retten?“
Mit diesem Artikel haben die „Neue Ordnung“ und der dafür verantwortliche Geschäftsführer Wolfgang Dvorak-Stocker endgültig ein Niveau an antisemitischer Hetze erreicht, das den Vergleich mit einschlägigen rechtsradikalen bis neonazistischen Blättern wie „Nationalzeitung“ oder „Aula“ nicht zu scheuen braucht. Der gesellschaftliche Rechtsruck führt auch dazu, dass RechtsextremistInnen sich nicht mehr zu tarnen brauchen: Mensch darf wieder offen und abscheulich antisemitisch sein – das hat Dvorak-Stocker ganz offensichtlich begriffen.

enterhaken N°16, September 09

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