2011/06: Gestatten, Nemesis, Stocker Verlag

Ein Naziforum und ein Grazer Mitglied

Er arbeitet im Stocker Verlag – und betätigte sich nebenbei als Poster in einem internen Forum für Rechtsextreme und Neonazis: Die „Freien Freunde“ träumten von der nationalen Revolution und von getöteten MigrantInnen. Unter ihnen „Nemesis“, sehr mutmaßlich Herr …

Die „Freien Freunde“ im Netz

Das Forum der „Freien Freunde“ existierte sechs Jahr lang als geschlossenes Diskussionsportal für etwa 80 NutzerInnen aus dem rechtsextremen und neonazistischen Spektrum. Registriert war es auf Holger Apfel, den Fraktionschef der NPD in Sachsen, und ging im März 2011 offline, nachdem die deutschen Behörden gegen einen User, den NPD-Politiker Matthias Heyder Ermittlungen aufgenommen hatten. Etwa 15 ÖsterreicherInnen waren bei den „Freien Freunden“ aktiv, darunter der FPÖ-Bezirksrat in Wien Gernot Schandl, der Wiener Neonazi Wolfgang L alias „Sowilo“, Robert Faller von der NVP („Nationale Volkspartei“) und – „Nemesis“, ein Mitarbeiter des Leopold Stocker Verlags.

In diesem Forum hatten sich die Kameraden so sicher gefühlt, dass sie ohne jede Vorsicht offen ihre nationalsozialistische Gesinnung demonstrierten. Sie wetterten gegen „Juderei“ und „Judenfilme“, oder posteten Parolen wie „Der Jude ist schuld!“ als „einfache Wahrheiten“. Ein russischer Nazi durfte nicht beitreten, da er kein „Volksdeutscher“ war und damit den Vorstellungen des Forums von biologischer „Reinrassigkeit“ nicht genügte. Nicht einmal vor Mordphantasien schreckten sie zurück: „In jedem Türken steckt was gutes, auch wenn es nur das Küchenmesser ist, “ lautete ein Kommentar von „Sowilo“. Er war es, der als Adminstrator zaudernden NPD-AktivistInnen wiederholt versicherte, wie sicher dieses Forum sei, das mittlerweile seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat.

In einem eigenen Unterforum tauschte sich eine kleine Gruppe über Waffenkäufe, die Herstellung von Sprengstoff und illegale Geldbeschaffungsmaßnahmen aus. Völlig offen diskutierten sie den Bau von Bomben und offenbarten ihre ganze hasserfüllte Menschenverachtung schließlich in den Drehbüchern für ein Videoprojekt „Negerhatz“: In verschiedenen Entwürfen sollten die ZuseherInnen zur Lynchjustiz gegenüber MigrantInnen und Menschen mit dunkler Hautfarbe ermutigt werden.

Gestatten, Nemesis, Stocker VerlagAls Zielgruppe hatten die Neonazis Jugendliche im Blick. Ein Script: „Negroider Drogendealer auf der Straße. Ein vorbeirauschendes Auto hält unvermittelt an, die Insassen stürmen aus dem Fahrzeug und prügeln den Neger zu Tode.“ Den Schluss bilden Parolen wie „Wir stehen zum Führer!“ und „Du bist die deutsche Volksgemeinschaft“. Es gibt kaum eine Idee, die zu dümmlich, zu brutal wäre, um nicht auf Zustimmung unter den PosterInnen zu stoßen.

Poster „Nemesis“

Und unter Kameraden dieser Geisteshaltung tummelte sich auch ein Grazer: „Nemesis“ verfasste bis 2009 über 500 Beiträge im allgemeinen Forum. Er äußerte etwa Vorschläge, wie kamerad SchülerInnen am besten für die nationale Sache gewinnen oder bei rechtsextremen Filmvorführungen unter dem Label des Idealismus Geld kassieren könnte.

Bereits im Forum outete sich „Nemesis“ als Mitarbeiter eines steirischen Verlags und als jemand, der dort befugt ist, bei der Herausgabe von Büchern mitzureden und sein Unternehmen auf der Frankfurter Buchmesse vertritt. Voller Eifer stellte er schließlich persönliche Daten ins Netz: Denn so verbunden fühlte sich „Nemesis“ anscheinend den Neonazis von den „Freien Freunden“, dass er ihnen nicht nur seine Ideen zur Verfügung stellte, sondern auch seine Wohnung. Für den Herbst 2007 organisierten die „Freien Freunde“ ein Treffen in Graz und „Nemesis“ bot seine vier Wände als Treffpunkt an. Zu diesem Zweck postete er seine Adresse und seine Telefonnummer – und diese Angaben führten direkt in den Leopold Stocker Verlag.

Die Handynummer, die „Nemesis“ im Forum angab, gehört 2011 dem Lektor des Stocker Verlags, Hans Becker von Sothen. Den nächsten Hinweis gab der Geschäftsführer des Verlags, Wolfgang Dvorak-Stocker, der lokalen Antifa: In den aktuellen Prozessen gegen Mayday Graz führte er Sothen als Zeugen gegen eine Mayday-Aktivistin an und es zeigte sich, dass die von Dvorak-Stocker genannte Anschrift des Zeugen genau mit jener Adresse überein stimmte, die „Nemesis“ den „Freien Freunden“ als seine Wohnung gepostet hatte.

Nemesis“ lädt die „Freien Freunde“ zum Treffen in seine Wohnung in Graz

Lektor Hans Becker von Sothen

Sothen ist in der einschlägigen politischen Szene kein Unbekannter: Er veröffentlichte vor allem in den rechtsaußen-Publikationen „Ostpreußenblatt“ und „Junge Freiheit“. Darin schwärmte er etwa von Österreich, in dem FPÖ und Burschenschaften „mitten in der Gesellschaft“ stünden statt wie in Deutschland isoliert und marginalisiert zu werden. Deutsche Gäste beim Burschenschaftskommers in Innsbruck 2009 hätten sich daher „wie im Urlaub von ihrer Kampf-gegen-Rechts-Republik“ fühlen können. (JF 27/09). In anderen Artikeln warnte er vor „Islamisierung“ und schwadronierte von kurdischen Kindern in Deutschland, die die Schule schwänzten, um in Ausbildungslager der PKK zu gehen.

Aber auch die Zeitgeschichte ist vor Sothen nicht sicher: Ende der 90er Jahre beklagte er, dass HistorikerInnen sich in der „babylonischen Gefangenschaft der antideutschen Historiographie“ befänden und propagierte die Präventivkriegsthese, demnach der Überfall NS-Deutschlands auf die Sowjetunion lediglich eine Reaktion auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff Stalins gewesen wäre. Die internationalen Kirchen leisten seiner Ansicht nach „Fernstenliebe“ für MuslimInnen, genauso wie die „Kirchenvertreter“ bereits in Sachen „realer Sozialismus“ „Interessensvertretung für den Feind“ betrieben hätten, und die Medien treffen „Absprachen“, um Bücher wie „Die Holocaustindustrie“ von Norman Finkelstein totzuschweigen.

Da ist es selbstverständlich, dass sich Sothen ins Zeug legt, um im Stocker Verlag angebliche „Tabuthemen“ aufzugreifen. Eine rassistische Meisterleistung war zweifellos die deutsche Erstauflage von Philippe Rushtons „Rasse, Evolution und Verhalten“ 2005 im Ares Verlag, für das sich der Autor im Vorwort persönlich bei Dvorak-Stocker und Sothen bedankte. Rusthon behauptet darin die Existenz von „Rassen“ und „Rassenunterschieden“ und schreibt den verschiedenen „rassischen Gruppen“ unterschiedliche Intelligenzniveaus zu, wobei er den AfrikanerInnen gerade mal die abstrakte Denkleistung von 11jährigen Kindern zubilligt.

Mordphantasien im Forum der „Freien Freunde“

Sothen ist auch auf Facebook unterwegs: Mit Neonazi „Sowilo“, der bei den „Freien Freunden“ federführend an den Hassvideos gegen MigrantInnen und Schwarze bastelte, war Sothen befreundet. Für Dvorak-Stockers „Ares Verlag“ ist er als Administrator des Facebook-Auftritts tätig. Großzügig verlinkt er den Verlag zu verschiedenen rechtsextremen Zeitungen und postete dort sogar einen Beitrag aus „Metapedia“, einem rechtsextremen bis neonazistischen Online-Lexikon, gegen das in Deutschland ein Indizierungsverfahren läuft.

Der enterhaken überlässt den LeserInnen alle weiteren Schlussfolgerungen zu Hans Becker von Sothen höchst mutmaßlich „Nemesis“. Für den Poster gelte die Unschuldsvermutung, schloss „Der Standard“ einen Artikel zum „Freien Freund“ beim Stocker-Verlag vorsichtig. Für die Ideologie, die der Stocker Verlags verbreitet und in der sich ein „Freier Freund“ wohl fühlt, gilt diese allerdings längst nicht mehr.

Quellen:

Einträge im Forum „Freie Freunde“, Verfahren 39 Cg 155/10h-18 am Landesgericht für ZRS, „Der Standard“ am 15.4.2011, Facebook-Seite des Ares Verlags, Archiv der „Jungen Freiheit“, http://www.stopptdierechten.at zu den „Freien Freunden“.