2005/06: Das „Dritte Reich“ als „geniale Improvisation“

Weiter radikalisiert hat sich der – mittlerweile nicht nur LeserInnen des „enterhaken“ bekannte – Grazer Leopold Stocker Verlag mit der jüngsten Ausgabe der „Neuen Ordnung“ und handelte sich damit nicht nur eine Anzeige nach dem Verbotsgesetz, sondern auch öffentliche Kritik ein

Nicht ohne den steirischen Panther

Noch im März wiesen im steirischen Landtag ÖVP, SPÖ und FPÖ den Antrag der Grünen auf Aberkennung der Auszeichnung des Leopold Stocker Verlags mit dem steirischen Landeswappen zurück, obwohl nicht nur zahlreiche UnterzeichnerInnen eines Briefes an die Landesregierung, sondern auch die Israelitische Kultusgemeinde Graz, dies gefordert hatten. Eine Aberkennung sei aus „formaljuristischen Gründen“ nicht machbar, argumentierten SPÖ und ÖVP, die Voraussetzungen, unter denen der Verlag das Wappen 1992 erhalten habe, seien noch immer aufrecht. Eine an sich lächerliche Begründung, denn diese Voraussetzungen, konkret „besondere im Interesse des Landes gelegene Leistungen“, wie es heißt, waren Anfang der 90er Jahre nicht gegeben und sind jetzt noch weniger vorhanden, schließlich zählt – was immer mensch von Klasnic und Co halten mag – die Förderung rechtsextremer AutorInnen wohl noch nicht zu solchen Leistungen „im Interesse des Landes“. Die Grünen sprachen angesichts des Verhaltens von ÖVP und SPÖ dann auch passenderweise von einem „formaljuristischen Versteckspiel“, allerdings machte die Debatte im Landtag, bei allem Ärger über die fehlende Bereitschaft zu klaren Abgrenzungen, bereits deutlich, dass die kontinuierliche Informationsarbeit zum Stocker Verlag ihre Auswirkungen gehabt hat: Auch die ÖVP fand kein einziges Wort der Verteidigung für den Verlag, weder für seine verlegerische Tätigkeit noch für die Aktivitäten des Geschäftsführers in der rechtsextremen Szene, im Gegenteil der Klubobmann der steirischen ÖVP, Christopher Drexler, erklärte sogar klipp und klar, die Verlagsproduktion sei teilweise im „negativen Sinn bemerkenswert“.

Verstoß gegen das Verbotsgesetz?

Mit der aktuell vorliegenden Ausgabe der „Neuen Ordnung“ beweist nun Dvorak-Stocker, dass sein Begriff von „konservativ“, mit dem er sich und seine AutorInnen stets bemäntelt, mit dem Konservatismus der ÖVP nichts mehr gemein hat. Vielleicht nicht zufällig erschien diese Nummer erstmals im „Ares-Verlag“, der eigens für zeitgeschichtliche Publikationen eingerichteten und ebenfalls von Dvorak-Stocker geleiteten Verlagsgruppe des Stocker Verlags. In der „Neuen Ordung“ 1/2005 publiziert Hans-Dietrich Sander, ein in Deutschland zur Genüge bekannter Rechts­extremist, der gerne ein „Viertes Reich“ errichten möchte, seine Thesen zum Nationalsozial­ismus. Sanders Ausführungen bewegen sich zwischen unglaublicher Relativierung und offener Glorifizierung des Nationalsozialismus und führten dazu, dass die Grünen Anzeige wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Verbotsgesetz erstatteten, das prinzipiell die Verherrlichung des NS-Regimes und Verharmlosung seiner Verbrechen unter Strafe stellt (wenn sich eben die Justiz einmal aufrafft…).
Auch Medien wie der ORF und die „Kleine Zeitung“ griffen den Vorfall auf, der Journalist Johannes Kübeck der „Kleinen Zeitung“ forderte am 21. Mai angesichts der Zitate aus dem Artikel sogar in scharfen Worten die Aberkennung des Landeswappens: Der Verlag solle sich irgendeinen Vogel vom „deutschen Volk“ holen, aber den steirischen Panther in Ruhe lassen. Dvorak-Stocker beklagte daraufhin – wieder einmal –, dass die aus der Anzeige zitierten Textstellen „aus dem Zusammenhang“ gerissen worden seien, und kündigte sogar an, den Artikel auf die Homepage der „Neuen Ordnung“ online zu stellen (auf der sich bis zu diesem Tag übrigens ein Beitrag befand, in dem die Aussage von John Gudenus zum Thema Gaskammern verteidigt wurde), damit sich jede/r ein Bild davon machen könne, was der Verlag wohlweislich bis heute (30.5.) nicht getan hat.

Vom „halbgenialen Hitler“ und den „produktiven Elementen“ des NS-Regimes

Sanders Beitrag enthält auf der einen Seite die aus der rechtsextremen Szene bekannten geschichtsrevisionistischen Darstellungen, nach der z.B. Deutschland zum 2. Weltkrieg provoziert worden sei und das „deutsche Volk“ seit 1945 mit „Denkverboten“ im Zustand der Unterwerfung gehalten und am Erkennen der geschichtlichen „Wahrheit“ gehindert werde. Sander z.B. im O-Ton: „Als nach Pilsudskis Tod eine deutschfeindliche Regierung die blutigen Provokationen verstärkte, befahl Hitler den Einmarsch. Er handelte, wie es US-Präsident Roosevelt nach seiner Devise gewünscht hatte: ‚Wir müssen die Polen davon abhalten, den ersten Schuß abzugeben, und die Japaner zwingen, uns anzugreifen.‘ Es ist freilich noch ungeklärt, ob Hitler nicht deutsche Generäle anstachelten, die von britischen Einflussagenten ferngesteuert waren. […] Im Januar 1939 erkannte Hitler, ein neuer Weltkrieg sei, wie Hermann Giesler berichtete, unvermeidlich.“ „Die Verwerfung des Ganzen wird weder der Geschichte noch den Nachfolgeproblemen des Dritten Reiches gerecht.“ „Die Verwerfung ist eine Auflage, mit der die Sieger des Zweiten Weltkrieges ihre politischen und militärischen Positionen legitimieren. Sie wird von Denkverboten geschützt, die das unterworfene deutsche Volk an seiner Wiedererhebung hindern.“
Sander geht aber über den Geschichtsrevisionismus hinaus und stellt das NS-Regime als „Experiment, Grundlagen für einen neuen Weltzustand zu legen“ dar, das „an sich selbst gescheitert“ sei: „Es ist nicht an gegnerischer Übermacht gescheitert, wie die Deutschen glauben sollen, um den Mut für neue eigene Unternehmungen zu verlieren.“ Sein Gesamturteil: „Je mehr ich über das Dritte Reich nachdenke, umso klarer erscheint es mir als eine geniale Improvisation, die nach beispiellosen Erfolgen in sich zusammensackte, weil es auf die problematische Figur seines Führers fixiert war.“ Adolf Hitler war nämlich, wie Sander begründet, „indessen nicht der Übermensch oder das Tier aus der Tiefe – wie Freund und Feind ihn sahen. Er war halbgenial. Er teilte dieses Schicksal mit Cromwell und Napoleon. Er löste viele Aufgaben vorbildlich. Ihrer Fülle war er nicht gewachsen.“
Gegenüber den Medien erklärte Dvorak-Stocker, Sanders Beitrag habe sich klar gegen den Rassismus und Antisemitismus der NationalsozialistInnen gewandt (obwohl das Dritte Reich eigentlich, wie der Geschäftsführer selbst anmerkte, an seiner „Dummheit gescheitert“ sei), und tatsächlich findet Sander doch noch einige kritische Worte für den Nationalsozialismus: Er wirft der NSDAP „unzureichende Führungsauslese“ und eine „ideologische Enge“ vor, ja wenn mensch will, läßt sich seine Feststellung, die „Volksgemeinschaft schloß sozialdarwinistisch zu viele aus: Sozialisten, Aristokraten, konservative Offiziere, Vertreter der deutsch-jüdischen Symbiose […]“ als ein gewisses Unbehagen gegenüber diesem „Fundamentalismus als Bürgerkriegspartei“ interpretieren.
Für Dvorak-Stockers verharmlosende Darstellung dieses Machwerks findet sich in der „Neuen Ordnung“ allerdings kein Beleg, im Gegenteil, deklariert Sander doch deutlich, dass „die chaosträchtige Moderne“ „nur von deutschem Boden aus aufgehoben werden“ könne, „über den die Statthalter der Sieger bis zum Schwachsinn murmeln, es dürfe von ihm nie wieder ein Krieg ausgehen“ und „Das Scheitern des Dritten Reiches entbindet uns nicht von der Aufgabe, mit Blick auf die Zukunft, von den destruktiven die produktiven Elemente und Faktoren zu scheiden.“ Als solche „produktiven Elemente“ nennt Sander vor allem jene Bereiche, die genau von den rassistischen und antisemitischen Maßnahmen geprägt wurden, wie „die wesentlichen Bestandteile und Wirkkräfte der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Raumordnung, der Naturpflege, der Volksgesundheit, des Jugendschutzes und der Wehrerziehung.“
Mit der Veröffentlichung dieses Beitrags hat nicht nur die „Neue Ordnung“ gezeigt, dass sie zur Gänze wesentliche Inhalte eines rechtsextremen Weltbildes vertritt, auch Dvorak-Stocker hat bewiesen, dass er in der Lage ist, Kritik an seiner Verlagspolitik noch durch Innovationen von ganz rechts zu übertreffen.

Quellen: Neue Ordnung 1 (2005), Stenographisches Protokoll des steirischen Landtags vom 15.3.2005, „Kleine Zeitung“ am 21.5.2005, „Der Standard“ am 21.5.2005, ORF Steiermark am 20.5.2005

enterhaken N°03, Juni 05

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