2011/12: Vor dem Neonaziprozess in Graz

Eine Information über die Anklage, die Angeklagten und interessante ZeugInnen.

Demnächst wird in Graz einer der größ­ten Neonaziprozesse der letzten Jahre stattfinden: Wegen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Verbotsgesetz müssen sich zehn Personen verantwor­ten, darunter Franz Radl, einige aktive oststeirische Neonazis und – inzwischen suspendierte – FunktionärInnen des RFJ.

Neonazis und RFJ zusammen beim Prügeln

Nach den ersten Ankündigungen hätte der Prozess bereits im Herbst stattfinden sollen, doch mittlerweile wurde der Beginn immer wieder verschoben. Die Anklageschrift liegt jedoch bereits seit Monaten vor. Sowohl die Namen der Angeklagten als auch die einiger ZeugInnen sind allen, die sich mit Rechtsextremismus einschließlich seines freiheitlichen Spektrums befassen, seit Jahren bekannt.

Acht Personen aus dem Umfeld von neonazistischer Szene, rechten Fußballfans und FPÖ sind wegen eines brutalen Angriffs auf eine Geburtstagsgesellschaft im Grazer Lokal „Zeppelin“ angeklagt: Im Jänner 2010 zertrümmerten sie dort die Einrichtung und verletzten einige Gäste schwer, erhoben die Hand zum Hitlergruß und sangen das Horst-Wessel-Lied1 sowie weitere NS-Lieder. Grund für den Gewaltrausch war die Musiknummer „Schrei nach Liebe“, die die feiernde Runde abspielte. Als  das Geburtstagskind versuchte, die Neonazis zu beruhigen, gingen sie mit Tritten und Faustschlägen auf den jungen Mann los, und danach auf alle – ob FreundInnen oder Kellner –, die ihm zur Hilfe kommen wollten.

Die Grausamkeit des Vorgehens des Schlägertrupps liest sich im Protokoll so: „Schließlich stellten sich die Angeklagten geschlossen um den durch die bereits verabreichten Schläge am Boden liegenden XY auf, um ihn durch vor allem gegen den Kopf ausgeführte wuchtige Schläge und Tritte zu verletzen, ohne daran von den übrigen Geburtstagsgästen gehindert werden zu können. Die Tritte gegen den Hinterkopf des mit seinem Gesicht auf dem Boden aufliegenden XY führten bei XY mehrfache Brüche des Nasenbeines mit Verschiebung der Bruchenden und mehrfache Brüche beider Augenhöhlen in Verbindung mit einer Gehirnerschütterung herbei, sowie einen vom Nacken bis zum Scheitel reichenden Bluterguss am Hinterkopf.“

Besonders schwer lastet die Staatsanwaltschaft den Neonazis an, dass sie systematisch jedes rettende Eingreifen der übrigen Anwesenden verhinderten, um den am Boden Liegenden durch massive Tritte gegen den Kopf möglichst schwer zu verletzen. ZeugInnen, die selbst im Krankenhaus behandelt werden mussten, sagten aus, dass das Opfer danach nicht mehr zu erkennen war. Für diese Brutalitäten müssen sich Gerhard Taschner, Neonazi aus Weiz, die RFJ-Funktionäre und Burschenschafter Christian und Stefan Juritz, der Feldbacher Neonazi Markus Liendl, der ehemalige RFJ-Aktivist Richard Pfingstl, Christoph Gornik und Christoph Schober verantworten.

Pfingstl, Gornik und Schober waren auch im Juni 2010 wieder dabei, als Neonazis beim Public Viewing am Karmeliterplatz Parolen wie „SS, SA, wir sind wieder da!“ und „SA, SS, es eskaliert“ riefen und ZuseherInnen attackierten, die sich beim Spiel Deutschland-Ghana über eine Torchance für Ghana freuten. Der grüne Abgeordnete Werner Kogler, der zufällig in der Nähe stand, ging dazwischen. Daraufhin schlug ein viertes Mitglied der Runde – wie Gornik bisher im Fußballmilieu aufgefallen – auf einen Mitarbeiter des Abgeordneten ein und verletzte ihn schwer.

Anklage gegen Radl und oststeirische Neonazi-Szene

Neben diesen beiden Auftritten der Schlägertrupps werden im kommenden Prozess aber noch weitere Wiederbetätigungs-Delikte angeklagt: Franz Radl, einer der Zentralfiguren der österreichischen Neonazi-Szene, Markus Liendl, Gerhard Taschner und ein 20-jähriger Schüler aus Wien müssen sich wegen mehrerer Verstöße gegen das Verbotsgesetz während der letzten Jahre verantworten.

Franz Radl betrieb die Webseiten http://www.gerhard-honsik.net und http://www.honsik.com, auf denen er laufend – in Zusammenarbeit mit Honsik – die Texte des Holocaustleugners und weitere neonazistische Propaganda veröffentlichte. Außerdem wird ihm vorgeworfen, einschlägige CDs für die Verbreitung unter Jugendlichen und an Schulen erstellt zu haben. Diese CDs beinhalten einen rabiaten Antisemitismus, Holocaustleugnung und menschenverachtende Lügen über die NS-Vernichtungslager. Markus Liendl verstieß mit seiner Webseite, auf der er mit dem Nicknamen „MeXX“ auftrat, ebenfalls gegen das Verbotsgesetz. Allen vier wird außerdem die Verbreitung von Propagandamaterial angelastet, mit dem sie die Homepages http://www.gerhard-honsik.net und http://www.honsik.com und die Tätigkeit von Honsik bewarben: vor allem in Graz, Feldbach, Mühldorf, Gleisdorf, Straden und Weiz, meist neben Schulen und Treffpunkten von Jugendlichen.

 Franz Radl zusammen mit Gottfried Küssel auf der Anti-EU-Demonstration 2008

ZeugInnen: Gerd Honsik und Lisbeth Grolitsch

Bemerkenswerte Namen finden sich im Verfahren gegen Radl auf der Liste der ZeugInnen: Gerd Honsik, der seit September 2011 wieder (mal) auf freiem Fuß ist, nachdem er seine x-te Strafe wegen Wiederbetätigung abgesessen hat, und Lisbeth Grolitsch, Leiterin des neonazistischen „Deutschen Kulturwerks europäischen Geistes“ (DKEG) mit Sitz in Graz. Radl war beim DKEG 2003-2009 angestellt und hatte seine Internet-Aktivitäten von Grolitschs Büro in der Strauchergasse 23 aus betrieben.

Das DKEG sieht seine Aufgabe in der Weitergabe des nationalsozialistischen Gedankengutes und in der Schulung des neonazistischen Nachwuchses. Obwohl Grolitsch in ihren Hetzschriften ganz offen Adolf Hitler glorifiziert und Neonazismus verbreitet hatte, musste sie sich dafür nie vor Gericht verantworten. Die fördernden Aktivitäten des DKEG im neonazistischen Untergrund hatten keine rechtlichen Folgen: Jede Anzeige wegen Wiederbetätigung legte die Staatsanwaltschaft Graz bisher zurück. Grolitschs Auftritt im Prozess gegen ihren politischen Ziehsohn Radl dürfte darum umso interessanter werden.

Die Angeklagten: Von alpen-donau.info bis zum RFJ

Die politische Biographien der Angeklagten belegen, dass es hier nicht ein paar „dummer Buben“ erwischt hat, denen im Vollrausch „Heil Hitler“ herausrutschte, oder ein paar „unpoltische Einzeltäter“ – die in Österreich üblichen Beschwichtigungsformeln, die regelmäßig von Verfassungsschutz und Polizei zu hören sind. Hier handelt es sich um eine seit Jahren aktive, gut vernetzte neonazistische Szene, deren Verbindungen von alpen-donau.info bis in die Burschenschaften und in den RFJ („Ring Freiheitlicher Jugend“) reichen.

Zentralfigur des Neonazismus – Franz Radl

Radl (Fürstenfeld/Stmk) ist einer führenden Kader im heimischen Neonazismus: 1990 trat er mit der Liste „Nein zur Ausländerflut“ in Wien an, die wegen NS-Wiederbetätigung nicht zugelassen wurde, brachte danach die Hetzschrift „Gäck“ heraus, die sich vor allem an Jugendliche richtete, beteiligte sich an Küssels VAPO, agierte als „Berater“ des Holocaustleugners Gerd Honsik und arbeitet nach 2000 für das DKEG. Zusammen mit Gottfried Küssel nahm er in den letzten Jahren an den Großveranstaltungen der neonazistischen Szene in Deutschland und Österreich teil.

Radl wurde bereits zweimal wegen Wiederbetätigung verurteilt, aber er versuchte es auch über den parlamentarischen Weg: 2005 und 2010 kandidierte er mit seiner Liste FRANZ für den Fürstenfelder Gemeinderat, scheiterte allerdings am Einzug.

Massive Indizien sprechen weiters dafür, dass Radl die – mittlerweile eingestellte – Webseite alpen-donau.info mitbetrieb: Im Mai 2010 wurden dort im Faksimile Flugblätter aus Feldbach online gestellt, die von Radl stammten und die gegen die türkischen MigrantInnen und gegen den Feldbacher Bürgermeister Kurt Deutschmann (SPÖ) hetzten. Diese Flugblätter waren schon 2008 verteilt worden. Dazu veröffentlichte alpen-donau.info ein Foto von Bürgermeister Deutschmann, das Radl selbst in einem Feldbacher Wettcafe geschossen hatte. Mit derselben Kamera waren die Fotos vom Prozess gegen den Altnazi Herbert Schweiger in Klagenfurt im Juni 2009 gemacht worden, bei dem Radl fotografiert hatte, und die Alpen-Donau nur einen Tag später online stellte.2

Die ideologische Modernisierung des Rechtsextremismus ist an Radl vollkommen spurlos vorüber gegangen. Er ist und bleibt ein Nationalsozialist der alten Schule, der sich vorbehaltlos zu Hitler und dem NS-Gedankengut bekennt.

So warf Radl in einem E-Mail an den deutschen Rechtsextremisten Jürgen Schwab etwa Schwab vor, bei einem Vortrag im Haus der Sängerschaft Gothia in Graz „den Nationalsozialismus, den Führer und Reichskanzler, die Reichsregierung und überhaupt das Deutsche Reich und das Deutsche Volk diskreditiert“ zu haben.3

Er vertritt einen fanatischen, aggressiven Antisemitismus: Israel ist seiner Ansicht nach für die Zuwanderung nach Österreich verantwortlich und führt vergiftete Lebensmittel ein.4 Ein Lied der Gruppe „Arisches Blut“, das bei der Hausdurchsuchung in Radls Wohnung sichergestellt wurde, dokumentiert, welche Ideologie Radls Sache ist: „Was SS und SA geschaffen, gibt es lang nicht mehr im deutschen Land, die Juden wollen nur raffen. Wo ist denn unser Führer? […] Unser Führer Adolf Hitler, Rudolf Hess, Hermann Göring, Joseph Göbbels und unser Zauberkünstler Mengele […] Wir schwören Adolf Hitler ewige Treue. So wird Deutschland gegen die Juden gerächt. Deutschland, steh auf gegen jüdische Gierigkeit! […]“5

Doch eine solche Ideologie hindert die FPÖ nicht daran, sich um ein gutes Verhältnis zu Radl zu bemühen: Markus Gruber, 2005 der zweite Mann auf Radl Liste FRANZ, wurde 2010 zum Stadtparteiobmann der lokalen FPÖ gewählt. Radl selbst tauchte Dresden2010 bei Sitzungen der Fürstenfelder FPÖ auf, und wurde sogar eingeladen, Mitglied zu werden, wie Landesparteiobmann Gerhard Kurzmann gegenüber dem „Falter“ in einem Interview im November 2010 bestätigte. Kurzmann wollte eine Aufnahme Radls in die FPÖ nicht ausschließen: Was er getan hätte, so die Frage, wenn Radl auf die Einladung tatsächlich den Wunsch nach einem Beitritt geäußert hätte. Kurzmanns Antwort, zu der er sich schließlich durchringt: „Ich müsste dem Landesparteipräsidium berichten.“ 6

Liendl („MeXX“, 2.v.l.) zusammen mit einem Feldbacher Skinhead

Liendl und Taschner: Radls oststeirische Kameraden

Für die Zusammenarbeit mit Radl müssen sich zwei weitere Oststeirer und Bekannte von Radl in diesem Prozess verantworten: Markus Liendl alias MeXX, der laut Anklageschrift jetzt an einer Adresse in Stockerau gemeldet ist, aber eigentlich aus Mühldorf bei Feldbach kommt, und Gerhard Taschner aus Gleisdorf, jetzt wohnhaft an einer Adresse in Weiz.

Liendl, der auch am Gewaltausbruch im „Zeppelin“ beteiligt war, war jahrelang in der Feldbacher Neonazi-Szene aktiv. Auf seiner MySpace-Seite unter der Bezeichnung „MeXX“ postete er u.a. Slogans wie: „Kampf Aktion Widerstand! Freiheit für Gerd Honsik!“ oder „Freispruch für Herbert Schweiger!“, „Freispruch für Gerd Honsik! Stoppt die politische Verfolgung in Österreich!! Wo sind eure Beweise für eure Behauptung? 6 Millionen? HaHa“. Oder: „Nieder mit den Vereinigten Staaten und den Heuchlerrn an der Ostküste!“ Noch 2009 nannte er ganz offen als Interessen: „Am Besatzerregime rütteln, http://www.gerd-honsik.net, http://www.alpen-donau.info“ und als bevorzugte Bücher solche, „die heute vom System verbrannt werden, Rudolf Hess, DAS Buch…“.

Auf den von ihm veröffentlichten Fotos ist er zusammen mit anderen Feldbacher Neonazis zu sehen: etwa 2006 beim Neonaziaufmarsch in Dresden. Ein Foto zeigt ihn zusammen mit einem kroatischen Neonazi und zwei Personen aus der einschlägigen Feldbacher Szene – dem Skinhead „David“ und Friederike Hutter – 2009 beim rechtsextremen Gedenken für die faschistische Ustasa in Bleiburg/Pliberk (Kärnten).7

Gerhard Taschner 2009 beim Neonazimarsch in Dresden

Taschner, wie Liendl auch wegen der Schlägerei im „Zeppelin“ angeklagt, und zumindest bis 2009 für die „Kickboxunion Pischelsdorf“ sportlich aktiv, definiert sich selbst als „politischer Soldat“. Im Internet stellte er seine Weltanschauung offen zur Schau, – ehe ihm jemand 2009 offenbar riet, etwas vorsichtiger zu agieren.

Er warb mit Slogans wie „Rassismus ist gesunder Volkserhaltungstrieb“ und wünschte „allen Deutschen Volksgenossen Heil Sonnwend“. Als bevorzugte Musik nannte er „Landser“ (eine bekannte Neonazi-Band), außerdem die neonazistischen Liedermacher Frank Rennicke (Ein Refrain: „Rote Ratten / zerschlagt doch diese Brut / schützt euer Hab / und schützt auch euer Gut / schützt auch euer Blut“) und Michael Müller („Bei 6 Millionen Juden da fängt der Spaß erst an / bis 6 Millionen Juden da bleibt der Ofen an / wir haben reichlich Zyklon B…“). Unter den Filmen führte er „Der Marsch zum Führer“ an.

Taschners Beteiligung an zentralen Neonazi-Aktivitäten der letzten Jahre ist hinlänglich auf verschiedenen Fotos dokumentiert, u.a. nahm er regelmäßig an den – zweimalig verhinderten – neonazistischen Aufmärschen in Dresden teil, zuletzt 2010 gemeinsam mit Küssel und Radl.8

„…dass Juden nur zum Heizen sind“ – Welche Musik Gerhard Taschner gern hört:

Mehr als vieles andere sagen über die menschenverachtende Ideologie eines Herrn Taschner die Musiknummern aus, die auf seinem Laptop gefunden wurden.9

Anmerkung: Die Problematik, solchen Texten durch den Abdruck Raum zu verschaffen, ist uns bewusst. Die Texte wurden dennoch in ihrer ganzen Brutalität abgedruckt, um klarzumachen, um welche Aussagen es u.a. geht, wenn Rechtsextreme das Verbotsgesetz kritisieren mit Argumenten wie, dass doch hier „bloße Meinungen“ angeklagt seien.

Etwa das Lied „Judenschwein“ der Gruppe „Kommando Freisler“: „Du bist ein kleines Juden- schwein, nur ein kleines Judenschwein […] du solltest besser fliehen, wenn die Braunen durch die Straße ziehen, denn in Deutschland weiß jedes Kind, dass Juden nur zum Heizen sind […] die Ölvorräte enden bald, dann wird´s in der Bude kalt. Aber Leute hört gut her, Juden gibt´s wie Sand am Meer…“

Oder die Nummer „Blut muss fließen“ der Gruppe „Tonstörung“: „…wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib […] Blut muss fließen knüppelhageldick und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik […] In der Synagoge hängt ein schwarzes Schwein, in die Parlamente schmeißt die Handgranaten rein[…] schmiert die Guillotine mit dem Judenfett…“

Und „Gaskammergutschein“ der Gruppe „Arisches Blut“: „… heute gibt es hier den Gaskammergutschein. Für jeden Juden ist heut was dabei […] hei macht das Duschen Spaß, aus der Dusche strömt noch Gas. Ja heute gibt´s den Gaskammergutschein und jeder von diesen Langnasen kommt hier rein…“.

Freizeitgestaltung Prügeln: Richard Pfingstl

Nicht zum ersten Mal in Schlägereien verwickelt ist Richard Pfingstl. Pfingstl war bis 2009 Mitglied des Grazer Vorstands des RFJ und der Burschenschaft Germania im CDC. In diesem Jahr wurde er aus dem RFJ offiziell ausgeschlossen, nachdem eine allzu peinliche Presseaussendung von ihm, die der angeblich ohne Rücksprache verfasst hatte, öffentlich geworden war.

Darin beschimpfte er die JournalistInnen des „Falter“ in einer entlarvenden Art und Weise. Auszüge: „Diese Art der bewusst falschen Berichterstattung kennt man nicht nur von der Randgruppenzeitung ‚Falter’, nein: sie ist seit beinahe 100 Jahren bei den Feindmächten unseres Volkes Usus.[…] Im Zuge der polizeilichen Räumung der besetzten Häuser Aegidigasse 13 […] zeigte der ‚Falter’ seine Nähe zu linken Randalierern und damit sein wahres Gesicht, die hässliche Fratze des international gesteuerten Antifaschismus. Aber auch das Glück und die ‚berufliche’ Zukunft von Drogennegern sind dem ‚Falter’, der sich auch aufgrund seiner ethnischen Zusammensetzung gar nicht mit den echten Österreichern identifizieren kann, ein besonderes Anliegen. […] In Anbetracht der Umtriebe innerhalb des ‚Falter’ sollte man[…] die Mitarbeiter und ‚Sponsoren’ einer nachrichten- und erkennungsdienstlichen Untersuchung unterziehen! Eine Nasen- und Anus-Kontrolle wäre aus allgemein gesundheitspolitischen Erwägungen daran anzuschließen.“ 10

Pfingstl signalisiert durch seinen aktuellen Facebook-Auftritt (Dezember 2011) noch immer allen InsiderInnen, wo er politisch steht, obwohl sein Profil versteckt ist: Sein Foto, das er jedenfalls zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Beitrags benutzte, stammt von einer Demonstration für einige, wegen Wiederbetätigung angeklagte Aktivisten des BFJ („Bund freier Jugend“) aus dem Jahr 2008.

InsiderInnen wissen Bescheid: Mit diesem Foto von einer Demonstration für die Kader des neonazistischen BFJ stellt sich Richard Pfingstl auf Facebook vor. Neben ihm: Hemma Tiffner, Herausgeberin der neonazistischen „Umwelt“.

Ein Indiz bringt ihn außerdem mit alpen-donau.info in Verbindung: Im Juni 2008 fotografierte Pfingstl aus nächster Nähe linke DemonstrantInnen, die sich gerade zu einer Kundgebung trafen und provozierte einige TeilnehmerInnen, indem er ihnen Tücher vom Gesicht zog und versuchte Fahnenstangen zu entreißen. Eines der Fotos, die bei diesem Vorfall entstanden, wurde inzwischen bereits zweimal auf alpen.donau-info veröffentlicht.11

Mit dabei: Sascha Ranftl, Finanzreferent des RFJ Steiermark, Mitglied des Bundesvorstands, und über Facebook mit sechs Personen befreundet, die wegen der Prügelorgie im „Zeppelin“ angeklagt sind. Er sei suspendiert, ließ der RFJ mitteilen, nachdem die Grünen diese Fakten in einer Anfrage 2011 thematisiert hatten.12

Pfingstl jedenfalls tauchte im Mai 2011 beim an der Uni wahlkämpfenden RFS („Ring Freiheitlicher Studenten“) wieder auf: Er bedrohte und attackierte einige grünalternative Studierende, die seine Anwesenheit beim RFS dokumentieren wollten.

RFJ-Funktionäre unter Neonazis: Die Brüder Juritz

Stefan und Christian Juritz, die sich ebenfalls im „Zeppelin“ austobten, sind beide Burschenschafter, Stefan Juritz bei der Germania im CDC, der nicht nur Pfingstl angehört(e), sondern auch Armin Sippel, Klubobmann der FPÖ Graz.

Christian Juritz wurde 2009 zum stellvertretenden Stadtobmann des RFJ Graz gewählt. Aus seiner Gesinnung hat er schon damals im Internet nie ein Geheimnis gemacht: Auf seiner Seite bei MySpace bezeichnete er sich selbst 2008/09 (genau in dem Jahr, in dem er zum stellvertretenden Obmann gewählt wurde!) als „rechter Recke“, der in der „Stadt der Volkserhebung“ zu Hause ist (der NS-Ehrentitel für Graz), nannte Walter Nowotny ein „Vorbild der anständigen Jugend“ und ließ sich mit „Wotan“-Shirts ablichten.13

Eine solche MySpace-Seite qualifiziert für ein Amt im RFJ: Christian Juritz als „rechter Recke“ aus der „Stadt der Volkserhebung“.

Stefan Juritz, Bezirksobmann des RFJ Deutschlandsberg, forderte im April 2007 in einer Presseaussendung die Abschaffung des Verbotsgesetzes und verteidigte die vier Führungskader des neonazistischen BFJ, die damals angeklagt waren, als „volkstreue Aktivisten“. 2007 nahm er zusammen mit Richard Pfingstl und Gerhard Taschner am Sommerfest des BFJ im Bezirk Kirchbach/Oberösterreich teil, das auch Gotttfried Küssel und weitere österreichische Neonazis besuchten. Nichts davon führte dazu, dass er seine Funktion im RFJ verlor.

Erst anlässlich der Anklageerhebung und der medialen Berichterstattung erklärte der steirische RFJ, dass Christian und Stefan Juritz vorübergehend ausgeschlossen seien.

Kritische Beobachtung ist gefragt!

2009/10 berichtete der enterhaken laufend über diese Szene zwischen RFJ und Neonazismus, die sich demnächst vor Gericht verantworten muss: Eine Szene, die einen lebensgefährlichen Sieg herbeisehnt, nach dem die „Minusmenschen bezahlen“ werden, wie das von ihnen beworbene „Alpen-Donau“-Forum ankündigte – so charakterisierten wir sie 2009. Eine Charakterisierung, die nach Bekanntwerden aller Informationen umso aktueller ist.

Abschließend sei an dieser Stelle an die massiven Verharmlosungen durch die steirische Sicherheitsdirektion und den steirischen Verfassungsschutz erinnert. Der Direkter der steirischen SID, Josef Klamminger, erklärte im November 2009: „Wirklich rechtsradikale Vereinigungen gibt es bei uns nicht, da diese ja gesetzlich verboten sind.“ Und Alexander Gaisch, Leiter des Verfassungsschutzes, sagte im Juli 2010 über die oststeirische Naziszene: „Von einer vernetzten Szene kann man so nicht sprechen.“

Es könnte grenzenlose Dummheit sein, wenn die Systematik derartiger Aussagen, das Hochspielen „linker Graffitis“ zur eigentlichen Gefahr und die Unterwanderungsphantasien von Herrn Gaisch nicht langsam, aber sicher den Verdacht nahe legen würden, dass hier Absicht am Werk ist.

Der Prozess wird jedenfalls Aufschluss darüber geben, wie die steirischen Neonazis das Wegschauen der Behörden in den letzten Jahren nutzen konnten. Ob dabei auch die Verbindungen zu alpen-donau.info einerseits und zur FPÖ andererseits angesprochen werden, ist jedoch fraglich. Eine aufmerksame und kritische Beobachtung dieses Verfahrens wäre daher umso wichtiger!

Quellen und Fußnoten:

1 Inoffizielle Hymne der NS-Bewegung und des NS-Regimes: „Die Fahne hoch – Die Reihen dicht geschlossen – SA marschiert…“; 2 Zur Verwendung der Kamera vergl. Anfrage der Grünen vom 9.7.2010; 3 Zitat laut Anklageschrift; 4 Interview in „Zur Zeit“ 50/2003; 5 Zitat laut Anklageschrift; 6 Der Falter 46/2010; 7 Zitate und Fotos aus: MySpace-Seiten der erwähnten Personen bis 2009; 8 Alle Zitate von Taschners MySpace-Seiten bis 2011; 9 Zitate laut Anklageschrift; 10 PA von Richard Pfingstl vom 27. Januar 2009; 11 Videodoku vom Juni 2008; 12 Siehe auch: „Was daran verwerflich sein soll…“ Amesbauer zur Freizeitgestaltung von RFJ-Funktionären; 13 MySpace-Seite von Christian Juritz von 2009.

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Eine Antwort zu 2011/12: Vor dem Neonaziprozess in Graz

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