2010/04: Neonazi Radl und seine Liste FRANZ

„Für Recht auf nationale Zukunft“ lautete die Buchstabenkombination der Liste “Franz” für die Gemeinderatswahl in Fürstenfeld 2010 des altbekannten Neonazis Franz Radl.

Kürzlich in die Schlagzeilen kam er durch den Austritt von Kurt Pledl aus der FPÖ-
Ortsgruppe Fürstenfeld, als dieser den Grund für seinen Austritt nannte: Radl soll bei einer Bezirkssitzung anwesend gewesen und von FPÖ-Funktionär Werner Pfingstl mit “Heil Hitler” begrüßt worden sein.

2005, als Radl zum ersten Mal mit seiner Liste FRANZ zur Wahl antrat, erreichte er mit 93 Stimmen 2.7%. Das politische Programm der Liste FRANZ hat sich seit damals kaum geändert, wurde auch 2010 wieder auf Neonazi-Sites verlautbart und bot durchwegs nichts als rassistische und antisemitsche Hetze:

● „Rückkehr zum Vaterland“, denn laut Radl schütze nur das “Vaterland” vor “feindlicher Übernahme”, zudem soll die Presse “von Zwangsverpflichtung im Dienst von Lüge und Fremdherrschaft” befreit werden. Und: „Das Eindringen von Wirtschaftsflüchtlingen in unsere zusammenbrechende Sozialsysteme heißt ‚Asylpolitik‘.“

● „Aufstand wider die Zinsschuld“, was so begründet wird: “Entschuldung und Zinsverbot
– das heißt Arbeit für alle. Nach sechzig Jahren der Hochkonjunktur und des angeblichen Reichtums sind unsere Staaten verarmt. Die Staatsschuld ist unbezahlbar. Warum? Durch den Zinsbetrug. Christentum und Islam verbieten den Zins. Geld kann keine Jungen kriegen. Jeder Zins, der höher ist als die Geldentwertung, ist ein Verbrechen wider die Naturgesetze und wider die Menschheit. Entschuldigung der Welt durch Entlarvung des Weltbetrugs.“

● “Los vom Lügen“, denn: “Obwohl Leopold Figl meinte, daß Österreich erst 1955 befreit wurde, siedeln unsere ‚Zeitgeschichtler‘ die Befreiung 1945 an. Warum? Wer Geschichtslügen aufdeckt, läuft Gefahr, als ‚Extremist‘ vor Gericht gestellt zu werden.“

Radl trat somit einmal mehr mit einem Programm an, das sich – sprachlich getarnt zwar, aber klar verständlich –gegen Jüdinnen und Juden richtete und die Befreiung vom Nationalsozialismus von 1945 als Geschichtslüge bezeichnete. Kein Wunder, ist doch Radl Biographie eine einzige Chronologie neonazistischer Aktivitäten:

Schon 1989/90 war er Spitzenkandidat der Liste „Nein zur Ausländerflut“, die
von der Wiener Wahlkreisbehörde wegen NS-Wiederbetätigung nicht zu den Nationalratswahlen zugelassen wurde.

Er betätigte sich als Hersteller und Verleger der neonazistischen Zeitschrift „Gäck“, in der z.B. folgende Zitate zu finden waren (Gäck 1/1991): „Nur das Beste für unsere Ausländer! Sportpistole ‚Hermann Göring‘ trifft jeden Turban auf 30 Meter Entfernung, wird mit 3-cm-Dumdumgeschossen geladen und gehört in jeden Schulranzen. RM 60,-mit Munition, und vergeßt nicht, die Nummer eures Wiking-Jugend-Clubausweises beizulegen.“

1992 wurde Radl schließlich wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt, er war zu dieser Zeit Aktivist in Gottfried Küssels VAPO (“Volkstreue Außerparlamentarische Opposition”). Wenig später wurde er wegen des Verdachtes der Beteiligung an den in den 90er Jahren erfolgten Briefbombenattentaten verhaftet und angeklagt. Vom Vorwurf der Briefbomben wurde er 1995 zwar freigesprochen, aber aufgrund von Aktivitäten in der VAPO erneut wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt.

Seine Untersuchungshaft in Zusammenhang mit der Briefbombenserie erklärte sich Radl 2003 übrigens in einer Mischung aus ausgeprägter antisemitischer Paranoia und Größenwahn so: „Generell gestaltete sich der Aufbau der so genannten Indizienlage so, dass sich meine Gegnerschaft zu den in Österreich herrschenden Kreisen und insbesondere zu der unter maßgeblichem Einfluß des Staates Israel in Österreich betriebenen Zuwanderungspolitik bereits ausreichend für die Verhaftung war. […] Besorgniserregend für mich war […], dass der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad vom Innenministerium in die Ermittlungen und Untersuchungen eingebunden wurde. […] Der Staat Israel hat dem Innenministerium Experten zur Untersuchung der Briefbomben zur Verfügung gestellt. […] Ja, es sind da vielleicht schon die richtigen Leute mit der Untersuchung beauftragt worden. Man könnte ja sarkastisch bemerken, das jene, die wirklich Briefbomben bauen, bekanntlich nicht in Mitteleuropa, sondern in nahöstlichen Staaten zu suchen sind. Ich erinnere daran, dass Bundeskanzler Adenauer Anfang der 50er Jahre, als er angekündigt hatte, den Fragenkomplex Auschwitz näher gerichtsmedizinisch und sachverständig untersuchen zu lassen, Adressat einer Paketbombe war…“ „(Zur Zeit“ 50/2003)

Radl war danach weiterhin aktiv, z.B. als „wissenschaftlicher Berater“ des  wegen  NS-Wiederbetätigung verurteilten Holocaust-Leugners Gerd Honsik, für dessen Hetzschrift gegen Simon Wiesenthal „Schelm und Scheusal“ er nach eigenen Angaben als Ghostwriter fungierte.

Im September 2001 wurde ein Flugblatt mit Radls Adresse veröffentlich, in dem der antisemitische Wahnwitz einen neuen Höhepunkt erreichte. Zitat: „Dieser Kreis [von hohen Beamten in Justiz und Exekutive] ist seit längerem darüber informiert, dass Israel radioaktiv bestrahlte und mit in Österreich nicht zugelassenen Chemikalien ‚sonderbehandelte‘ Nahrungsmittel nach Österreich exportiert. […] Das Nicht-Einschreiten der Beamten erscheint im Zusammenhang damit, dass eben dieser informierte Personenkreis seit Jahren bemüht ist, an Israel geübte Kritik mit Hilfe des NSDAP-Verbotsgesetzes zu verfolgen und mit bis zu 20 Jahren Freiheitsstrafe zu bedrohen, also vorsätzlich und damit strafbar als Verbrechen des Missbrauches der Amtsgewalt (§ 302 StGB). Der Verdacht, dass die betreffenden Beamten – darunter Richter und Staatsanwälte – im Interesse einer fremden Macht tätig waren und sind, ist nicht von der Hand zu weisen.“ (Quelle: DÖW, Okt. 01)

VAPO-Kameraden Radl und Küssel (1. und 2. v. links)

Radl ist bis heute Mitarbeiter bei Veranstaltungen des neonazistischen „Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes“ (DKEG) mit Sitz in Graz und hat 2002 den Satz für die Publikation von Lisbeth Grolitschs „Notwende“ übernommen, in der offen Hitler und seine „Lösungen“ verherrlicht werden.

Radl ist bis heute Mitarbeiter bei Veranstaltungen des neonazistischen „Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes“ (DKEG) mit Sitz in Graz und hat 2002 den Satz für die Publikation von Lisbeth Grolitschs „Notwende“ übernommen, in der offen Hitler und seine „Lösungen“ verherrlicht werden.

Radls Nazi-Liste schaffte bei den heurigen Wahlen mit 49 Stimmen nur 1,43% – das bedeutet im Vergleich zu 2005 einen Verlust von 44 Wähler_innenstimmen und -1,26%. Böse Stimmen unkten, dass wohl viele der damaligen Wähler_innen in der Zwischenzeit das Zeitliche gesegnet hatten oder gerade wegen Wiederbetätigung einsitzen.

Oder aber: Sie fühlten ihre Stimme woanders besser aufgehoben – möglicherweise bei der FPÖ. Denn kurz vor den Gemeinderatswahlen veröffentlichte der “Standard” eine interessante Information über die Fürstenfelder FPÖ (Der Standard online am 15.3.2010): Es ging um den freiheitlichen Spitzenkandidaten für die Gemeinderatswahl, Markus Gruber. Besagter Mann, welcher sich auf seiner Facebook-Site als “kämpferisch” gibt, ist nämlich kein Unbekannter, sondern kandidierte noch 2005 an zweiter Stelle auf Radls Liste. „Ich bin kein Nazi“, sagte Gruber im Gespräch mit “derstandard.at.”  Sobald er gemerkt habe, welches Gedankengut Radl vertrete, habe er den Entschluss gefasst, die Seiten zu wechseln. Dessen politische Auffassung passe nicht in seine Welt, außerdem brauche man „eine starke Partei im Hintergrund, wenn man etwas erreichen will“.

Zu glauben, Gruber hätte sein braunes Gedankengut abgelegt, wäre fatal. Die Taktik, die hier gespielt wurde, ist das typische zwei- bis mehrgleisig Fahren der extremen Rechten in Österreich: Die FPÖ bricht die letzten Tabus und verhilft ihnen zu gesellschaftlicher Anerkennung, Neonazis arbeiten daneben offen, aber nicht isoliert, sondern eben mit der “starken Partei im Hintergrund”.


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