2011/01: Ein steirischer Neonazi-Schlägertrupp

Zwischen RFJ und alpen-donau.info

Die Staatsanwaltschaft hat nun Anklage gegen acht Neonazis erhoben, die im Jänner 2010 im Grazer Lokal „Zeppelin“ die Einrichtung zertrümmert und Gäste schwer verletzt hatten. Wir veröffentlichen hiermit einige Informationen zur Schlägertruppe und ihrer Verstrickung in den RFJ.

„SA marschiert!“

Wie die Webseite stopptdierechten.at berichtete, verlief der Überfall wesentlich brutaler als bisher in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Der Trupp gab Parolen wie „Heil Hitler“ von sich und sang das „Horst Wessel-Lied“ („Die Fahne hoch – SA marschiert!“), um die Musik einer Geburtstagsfeier zu übertönen. Als der Jubilar vermitteln wollte, wurden er und FreundInnen, die zu Hilfe kamen,  krankenhausreif geprügelt und getreten. stopptdierechten.at zitiert aus einem Protokoll: „Einer der Beschuldigten…stampfte mit einem Fuß wuchtig auf den mit dem Gesicht am Boden aufliegenden Kopf von XX und führte spätestens dadurch mehrfache Brüche des Nasenbeines und beider Augenhöhlen herbei sowie einen vom Nacken bis zum Scheitel reichenden Bluterguss am Hinterkopf.“ Dem „Standard“ gegenüber berichtete ein Zeuge: „Sein Gesicht war schon richtiggehend zermatscht. Die haben gewirkt wie komplett Wahnsinnige im Blutrausch.“

Beteiligt laut Anklage haben sich an dieser Gewaltorgie im „Zeppelin“ u.a. Gerhard Taschner, Richard Pfingstl, die Brüder Christian und Stefan Juritz, Christoph Schober und Christoph Gornik.

Myspace-Auftritt des RFJ-Funktionärs Christian Juritz 2008/09

Diese Namen stehen für eine Gruppe von Neonazis, die sich im Umfeld von RFJ und Burschenschaften bewegt und 2010 zumindest zweimal durch Prügelaktionen auffiel. Alle sind untereinander über Facebook in Kontakt, und zumindest gegen einen der Beteiligten liegen Indizien vor, die ihn mit der Neonazi-Homepage alpen.donau.info in Zusammenhang bringen.

Die Brüder Juritz auf Facebook 2010

Die Freunde von RFJ-Funktionären

Der oststeirische Kickboxer Gerhard Taschner bewegt sich seit Jahren an den zentralen Schauplätzen der österreichischen Neonazi-Szene und wurde erst 2010 in Begleitung von Franz Radl und Gottfried Küssel, den heimischen Führungsfiguren, in Dresden beim jährlichen Naziaufmarsch gesichtet. Pfingstl wurde im Februar 2009 aus dem Vorstand des Grazer RFJ ausgeschlossen, nachdem eine allzu peinliche Aussendung von ihm, in der er sich gegen den „Falter“ austobte, öffentlich geworden war. Darin wetterte Pfingstl von „Drogennegern“ und unterstellte dem „Falter“ für die „Feindmächte unseres Volkes“ zu arbeiten. Erst diese Aussendung und nicht z.B. seine Teilnahme am Fest des neonazistischen BFJ im Sommer 2007 im Bezirk Kirchbach/Oberösterreich – zusammen mit Stefan Juritz, Gerhard Taschner und Gottfried Küssel – stellte für die FPÖ einen Grund da, ihn aus dem Vorstand des RFJ Graz auszuschließen.

Gerhard Taschner (ganz r.) und Richard Pfingstl (2.v.r.) mit VAPO-Gründer Gottfried Küssel (3.v.l.) beim BFJ-Fest 2007

Pfingstl signalisiert im Übrigen schon durch seinen Facebook-Auftritt allen InsiderInnen, wo er politisch steht, obwohl sein Profil versteckt ist: Sein Foto, das er jedenfalls zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Beitrags benutzte, stammt von einer Demonstration für einige, wegen Wiederbetätigung angeklagte Aktivisten des BFJ aus dem Jahr 2008.

Für seine Verbindung zu alpen-donau.info gibt es neben seinen Kontakten ein anderes Indiz: Im Juni 2008 fotografierte Pfingstl aus nächster Nähe linke DemonstrantInnen, die sich gerade zu einer Kundgebung trafen und provozierte einige TeilnehmerInnen, indem er ihnen Tücher vom Gesicht zog und versuchte Fahnenstangen zu entreißen. Eines der Fotos, die bei diesem Vorfall entstanden, wurde inzwischen bereits zweimal auf alpen.donau-info veröffentlicht.

Pfingstl und RFJ-Funktionär Sascha Ranftl fotografieren und provozieren am Treffpunkt für eine linke Freiraum-Demo in Graz – eines der Fotos wird später wiederholt auf alpen-donau.info veröffentlicht.

Pfingstls Ausschluss aus dem Vorstand bedeutete keineswegs das Ende seiner Kontakte zu den Freiheitlichen: Im selben Jahr wurde Sascha Ranftl zum Finanzreferenten des RFJ Steiermark gewählt, heute ist dieser sogar Mitglied des Bundesvorstands. Ranftl war bei der Anti-Antifa-Aktion 2008 dabei, er nahm als Nicht-Korporierter an Veranstaltungen der Burschenschaft Germania im CDC teil, der Pfingstl und Stefan Juritz angehör(t)en. Ranftls Freundeskreis auf Facebook umfasst fast alle Personen, nämlich sechs, die wegen des brutalen Überfalls im „Zeppelin“ angezeigt sind.

RFJ-Funktionäre beim Prügeln

Aber auch mit den RFJ-FuntionärInnen Stefan und Christian Juritz versteht sich Pfingstl so gut, dass er zusammen mit ihnen Nazilieder singt und Leute, die so etwas stört, zusammenschlägt. Stefan Juritz ist, ungeachtet seiner zumindest seit 2007 bekannten Kontakte in die Neonazi-Szene, heute Bezirksobmann des RFJ Deutschlandsberg. Christian Juritz wurde 2009 zum stellvertretenden Stadtobmann des RFJ Graz gewählt. Aus seiner Gesinnung hat er schon damals im Internet nie ein Geheimnis gemacht: Auf seiner Seite bei MySpace bezeichnete er sich selbst 2008/09 (genau in dem Jahr, in dem er zum stellvertretenden Obmann gewählt wurde!) als „rechter Recke“, der in der „Stadt der Volkserhebung“ zu Hause ist (der NS-Ehrentitel für Graz), nannte Walter Nowotny als „Vorbild der anständigen Jugend“ und ließ sich mit „Wotan“-Shirts ablichten.

Bei der Burschenschaft Germania im CDC 2008: Pfingstl (4.v.l.) und Ranftl (7.v.l.). Auch Stefan Juritz und FPÖ-Klubobmann Armin Sippel sind bei der Germania.

Möglicherweise bekamen jedoch die amtierenden RFJ-Mitglieder nach dem Vorfall im „Zeppelin“ Prügelverbot: Als Neonazis im Juni 2010 beim Public Viewing am Karmeliterplatz mit Parolen wie „SS, SA, wir sind wieder da!“ auf ZuseherInnen einschlugen, die sich beim Spiel Deutschland-Ghana über eine Torchance für Ghana freuten, und dann einen Mitarbeiter der Grünen, der dazwischenging, schwer verletzten, waren die Juritz-Brüder nicht dabei, dafür: Richard Pfingstl, Christoph Gornik, Christoph Schober und der GAK-Hooligan Hans-Peter Auer.

Stefan Juritz fotografiert AntifaschistInnen bei der FPÖ-Kundgebung am Grazer Hauptplatz im Mai 2009

Die schützende Hand von Gerhard Kurzmann

Neonazis, die ihren Parolen Taten folgen lassen – und der freiheitliche Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des RFJ Steiermark, Hannes Amesbauer, will nicht mitbekommen haben, was seine Jungfunktionäre in den letzten Monaten und Jahren trieben. Von der Anklage gegen Stefan Juritz sei er überrascht, erklärte er dem „Standard“ gegenüber, aber man werde über personelle Konsequenzen nachdenken. Nach außen ist Amesbauer um ein Saubermann-Image für den RFJ bemüht: Solange es geht, wird geleugnet und nichts gesehen. Dann werden, so wie im Fall Pfingstl, FunktionärInnen, die ihren Neonazismus allzu dümmlich und öffentlich demonstrieren, abgesetzt, damit Leute wie Sascha Ranftl nachrücken, die sich noch nichts zuschulden kommen ließen, aber aus demselben Umfeld kommen.

Richard Pfingstl (3.v.l.) bei der Demonstration für Mitglieder des neonazistischen BFJ im Juli 2008 in Wels; zugleich sein Profilfoto auf Facebook.

Selbst alpen-donau.info nimmt Amesbauers Versuche um Salonfähigkeit mit Siegesgewissheit zur Kenntnis: Im Notfall warten die Neonazis eben in der zweiten Reihe auf ihre Chance. Mit einem skrupellosen Neofaschisten wie Gerhard Kurzmann an der Spitze der FPÖ Steiermark wird ihnen die Tür immer offen stehen.

Quellen:
Berichte von „Der Standard“ und stopptdierechten.at; Fotos vom BFJ-Fest 2007 und der Demonstration in Wels 2008; PA von Richard Pfingstl im Namen des RFJ vom 27.1.2009; Videodoku vom Juni 2008; zitierte Facebook- und MySpace-Seiten.

Advertisements

3 Antworten zu 2011/01: Ein steirischer Neonazi-Schlägertrupp

  1. Pingback: Ein steirischer Neonazi-Schlägertrupp … | Mayday Graz

  2. Pingback: Die Stadt der Volkserhebung « Junger Roter

  3. Pingback: Ein steirischer Neonazi-Schlägertrupp « dokumentationsarchiv

Kommentare sind geschlossen.