2010/04: Ortsgruppe, Stammtisch, Neonaziclique – die FPÖ Mariazell

Die FPÖ Mariazell und ihre Jugendarbeit – kurz vor den Gemeinderatswahlen
im März 2010 kamen durch Recherchen die Neonazi-Umtriebe in
der FPÖ Mariazellerland ans Licht: Eine regionale steirische Ortsgruppe,
die von der Neonazi-Szene nicht mehr zu trennen ist, bietet ein Beispiel
dafür, wo die FPÖ unter H.C. Strache politisch steht.

Ein SHS-Skinhead als Spitzenkandidat

Der lokale Spitzenkandidat für ein Örtchen namens St. Sebastian, Hans Ploderer, war ein Mitglied der neonazistischen Skinhead-Szene. Auf einschlägigen Internet-Auftritten der steirischen Hammerskins (SHS) wurden Fotos veröffentlicht, die ihn beim Besuch eines Neonazi-Konzerts zeigen oder in T-Shirts mit dem Aufdruck „Skinhead Steiermark“.  Die SHS sind neben Blood & Honour die bekannteste internationale Skinheadorganisation im neonazistischen Spektrum, die sich selbst als Elite versteht und den „14 words“ (siehe enterhaken #16) verpflichtet fühlt.

Ploderer war aber nicht nur potentieller Gemeinderat, sondern fungierte auch als stellvertretender Obmann für die Ortsgruppe Mariazellerland. Er war dort nicht der einzige Aktivist aus der Neonazi-Szene: Als stellvertretender Schriftführer werkte Dominik Ungerböck, der ganz offen auf seiner Facebook-Seite in einem Shirt mit der „88“ im Loorbeerkranz posierte. So ungeniert demonstrierte diese lokale FPÖ ihre Verbundenheit mit dem Neonazismus, dass ein Klick von der offiziellen Facebook-Seite der örtlichen FPÖ direkt auf das Portrait ihres Funktionärs mit der 88-Kleidung führte!

Gerhard Kurzmann (2. v. links) u.a. mit „seiner“ Jugendreferentin Silvana Wallmann (1. v. links)

 Erst als Mitte März 2010 die Grünen und Lokalmedien diese Recherchen veröffentlichten, verschwanden die Namen und Fotos von Ploderer und Ungerböck aus den offiziellen Publikationen. Der freiheitliche Landesobmann Gerhard Kurzmann beeilte sich herumzustottern, dass er das eh alles gern mit dem Herrn Ploderer geklärt hätte, dass dieser aber leider am Handy nicht zu erreichen sei. Vielleicht weil zu dieser Zeit gerade ein traditionelles Neonazikonzert mit internationaler Beteiligung in Ungarn stattfand, bei dem die „Skinheads Steiermark“ bisher immer aufmarschiert waren und Kurzmanns Spitzenkandidat daher quasi anderweitig beschäftigt war?

Eine freiheitliche Jugendreferentin: Silvana Wallmann

Nach wie vor im Amt ist jedenfalls die Jugendreferentin der Ortsgruppe Mariazellerland, Silvana Wallmann. Wallmann ist Betreiberin der „Silvanabar“ in Mariazell, auf deren Homepage bis vor kurzem noch junge Leute mit Neonazifan-Artikeln abgebildet waren und ein Bursche sogar mit Hitlergruß. Mehrere Bilder zeigten BarbesucherInnen mit Shirts von „Landser“, „Skrewdriver“ und „Faustrecht“, mit denen sie vor der Kamera posierten, alles Bands, die dem neonazistischen Teil des Rechtsrocks zuzuordnen sind.

„Landser“ etwa, die in Deutschland verboten wurden, hat Titel wie „Adolf Hitler unser Führer, Adolf Hitler unser Held“, Deutschland muss arisch werden!“, „Ran an den Feind –Bomben auf Israel“, „Kanake verrecke!“ oder „Schlagt sie tot!“ Der Sänger der britischen Szene-Kultband „Skrewdriver“ war der Gründer des Neonazi-Netzwerks Blood & Honour. Und „Faustrecht“ grüßt bei Konzerten mit „Hail Victory!“ („Sieg Heil“), richtet seine Lieder gegen „all die Wichser in der Bewegung, die uns verlassen“ oder „gegen die Menschen, die uns – die weiße Rasse – zerstören wollen“. Bei ihren Auftritten wechselte sich die Hetze gegen „zionistische Bastarde“ vom Podium mit den “Juden raus“-Rufen des Publikums ab.

Eins ist klar: Wer für diese Bands auf seiner Kleidung wirbt, bekennt sich zum Neonazismus. Und wer solche Fanfotos auf die Homepage seines Lokals stellt, deklariert sich politisch ebenfalls eindeutig.

Es ist nur logisch, dass in der „Silvanabar“ 2007 tatsächlich ein Neonazi-Konzert stattfand, und zwar ein Balladenabend mit dem deutschen „Agitator“, zu dessen Repertoire u.a. ein Lied mit dem folgenden Refrain gehört: „Ich bin mit Leib und Seele Nazi […] ich bleib Nazis für alle Zeit. […] Da der gute alte Wiesenthal uns leider nicht mehr jagt – und der Pole beim polonisieren ständig gnadenlos versagt – komm ich fast um vor Lachen! Ich find das völlig geil! – Dann tanze ich durch meine Bude, heb den Arm und schrei Juchhu!“

„Silvanabar“ in Mariazell: Wo Jugendliche lernen, Neonazismus cool zu finden: Fotos von der Homepage der „Silvanabar“.

 Meine Kinder werden Neonazis – na und?

Wallmanns „Silvanabar“ befindet sich in umittelbarer Nähe einer Schule und einer Polizeistation – und niemand will von den neonazistischen Umtrieben etwas bemerkt haben. Die Homepage bot eine Ansammlung sich im Vollrausch befindlicher junger Leute, die sich zwischen Nazifanartikel und FPÖ-Plakaten ihre Promille und Unterhaltung suchen – und auch das hat die LehrerInnen oder Eltern dieses Orts offenbar nie interessiert.

Selten hat ein Vorfall der letzten Jahre das freiheitliche Verständnis von Jugendarbeit drastischer demonstriert als Silvana Wallmanns Tätigkeit mit ihrer Bar: ein Lokal als Rekrutierungsfeld für die nationale Sache, in dem Jugendliche lernen, „Landser“ und Co cool zu finden.

Reagiert hat die FPÖ auf die öffentliche Kritik mit dem Entfernen der Fotos von der Homepage der „Silvanabar“ und mit Klagsdrohungen, aber: Es gab seitens der Parteiführung und des Obmanns Gerhard Kurzmann keine Konsequenzen für Silvana Wallmann. Nach wie vor stellt sie sich als Jugendreferentin der lokalen FPÖ vor, eine Tatsache, die nur eine einzige Schussfolgerung zulässt: Für die FPÖ ist Wallmanns „Jugendarbeit“ vollkommen in Ordnung.

Quellen: Internetauftritte von S. Wallmann,der Silvanabar und der FPÖ Mariazellerland, Fotos vom Neonazi-Konzert 2007 und von den SHS. Informationen zu den Neonazibands: Siehe Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, Oktober 2008