2010/09: Gerhard Kurzmann, ein „kompromissloser Deutscher“

Ein Spiel als Wahlkampfgag, bei dem die Jugendlichen MuslimInnen „abschießen“, und ob ein Holocaustleugner recht hat, weiß er noch immer nicht: Der Spitzenkandidat der steirischen FPÖ, Gerhard Kurzmann, lässt nichts aus, was das rechtsextreme und neonazistische Herz höher schlagen lässt.

Eine nationale Karriere

Kurzmann hatte sich schon früh im nationalen Lager eingenistet: Anfang der 90er Jahre arbeitete er als Redaktionsmitglied für die „Aula“, die Zeitung der „Freiheitlichen Akademikerverbände“, die 1995 wegen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz verurteilt wurde. Davor fand sich sein Name auf Einladungen zu freiheitlichen Sonnwendfeiern, bei denen er als „Feuerredner“ auftrat. Seit 1993 werkt er für die FPÖ im Grazer Gemeinderat, 2003 wurde er zum Stadtparteiobmann gekürt. 2005 war Kurzmann zusammen mit Landesparteiobmann Leopold Schöggl für einen massiv rassistischen Wahlkampf verantwortlich: Alle Grazer Haushalte erhielten eine Ausgabe des „Uhrturms“, der FPÖ-Zeitung, in der unter dem Titel „Sind Asylanten mehr wert?“ die „steirische Familie“ gegen die „Asylantenfamilie auf Kosten des Steuerzahlers“ ausgespielt wurde. Mit Inseraten wie „In Prag habe ich studiert. In Graz gehe ich auf den Strich“ setzte sich die skrupellose Stimmungsmache gegen MigrantInnen fort. Kurzmanns nationale Klaue war auch in „Zur Zeit“, dem antisemitischen Blatt von Andreas Mölzer, zu finden. In ZZ 35/05 wetterte er: „An jeder Ecke der alten schönen Innenstadt betteln ausländische Zigeuner Einheimische und Touristen an. In der Herrengasse verkaufen Schwarzafrikaner aufdringlich Zeitschriften. In kaum einer anderen Stadt Österreichs mittlerer Größe stößt man auf so viele Schwarzafrikaner wie in Graz.“
Da in der FPÖ Rassismus bekanntlich als Qualifikation gehandelt wird, machte Kurzmann weiter Karriere: Im Februar 2006 wurde er als Nachfolger Schöggls zum Landesparteiobmann gewählt und seit Oktober 2006 vertritt er die Partei des Ex-Wehrsportlers im Nationalrat.
Im selben Jahr forderte Kurzmann bei einer Rede am Grazer Hauptplatz den Schusswaffeneinsatz gegen Cannabis-Dealer im Stadtpark und ließ sich über den „Judenstaat“ Israel in einer Weise aus, die selbst in der sog. Mainstream-Presse auf scharfe Kritik stieß. Am 15.8.2006 veröffentlichte die „Kleine Zeitung“ einen Kommentar, in dem sie Kurzmann vorwarf, dass er sich „gebärde, als ob er für die grausige Nazi-Hetzschrift ‚Der Stürmer’ wüten würde“.
Im September 2006 berichtete der nationale Hoffnungsträger in der „Aula“ stolz, dass er sich mit Le Pens „Nationaler Front“ und dem belgischen „Vlaams Belang“ auf ein Grundsatzprogramm geeinigt habe und im November 2006 wohnte er als Mitglied einer Delegation der FPÖ dem Wahlkampfauftakt von Jean Marie Le Pen bei. Im Oktober 2008 traf sich Kurzmann mit der „Forza Nuova“, italienischen NeofaschistInnen, die Gegenstand einer Verbotsdiskussion sind und inhaltlich der neonazistischen deutschen NPD nahe stehen.

Gerhard Kurzmann (1. v. l.) in Begleitung von RFJlern 2009, darunter auch ein Jugendlicher, der am Grazer Hauptplatz seine Hand zum Hitlergruß gehoben hatte

Die SS – „anständige Leute“

Kurzmann ist seit Jahren Mitglied der KIV, einer Veteranenorganisation der Waffen-SS, die vom „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ (DÖW) als rechtsextrem, teilweise zum Neonazismus tendierend, eingestuft wird. Die KIV hat sich die Relativierung von NS-Verbrechen und den Kampf gegen die „Umerziehung“ auf ihre Fahnen geschrieben. Offenbar ganz nach Kurzmanns Geschmack: In einem Interview mit dem „Standard“ am 27. Juni 2010 begründete er seine Mitgliedschaft so: „Weil die Leute, die ich dort kennengelernt habe, anständige Leute sind. Sie haben als Soldaten in einer sehr schwierigen Zeit ihre Pflicht erfüllt und es nicht verdient, ständig angeschüttet oder vernadert zu werden.“ Dass die Waffen-SS in den Nürnberger Prozessen zur „verbrecherischen Organisation“ erklärt wurden und im 2. Weltkrieg zahlreiche Kriegsverbrechen und Massaker zu verantworten hatte, berührt Kurzmann nicht.
Die Neonazi-Homepage „alpen-donau“ berichtete am 10. Juni 2010, dass eine Abordnung der „Ungarischen Nationalen Front“ (MNA) von der steirischen KIV zu einer Gedenkveranstaltung in Dég (Ungarn) eingeladen worden und dort „mit großer Sympathie empfangen” worden sei. Die MNA ist eine paramilitärische Neonaziorganisation, deren Führer laut „alpen-donau“ öffentlich erklären, dass „die neue Welt im Feuer, Schmutz und Blut geboren wird.“ Ob sie in ihrem Endkampf dabei auf die tatkräftige Unterstützung des Kameraden Kurzmann hoffen könnten? In einem Gespräch mit „News“ am 26.8.2010 antwortete Kurzmann auf die Frage, wie er sich im 2. Weltkrieg verhalten hätte: „Dass ich meine Pflicht erfüllt hätte wie die meisten anderen, steht außer Frage. […] Ich bin gerne zum Bundesheer eingerückt […] Dort habe ich gerne mit den Maschinengewehr … geschossen, mit dem Ziel, im Notfall die Heimat zu verteidigen.“
Kurzmann und der Holocaustleugner
Dass der nationalsozialistische Vernichtungskrieg für Kurzmann unter das Label „Vaterlandsverteidigung“ fällt, erklärt sich aus dem Geschichtsbild des Politikers, der sich damit brüstet, Historiker zu sein. Entweder ist dieses Studium einer Totalamnesie zum Opfer gefallen oder Kurzmann hat sein Diplom mit Hilfe eines Doubles erlangt:
Immerhin erklärte der freiheitliche Spitzenkandidat kürzlich öffentlich, dass er nicht wisse, ob ein Holocaustleugner nicht doch recht habe. Konkret wurde Kurzmann von der „Kleinen Zeitung“ Ende August mit den Thesen von David Irving, dem wohl bekanntesten Holocaust-Leugner, konfrontiert. Seine Antwort: Irving verwende andere Quellen und „ob er recht hat, weiß ich nicht, ich habe mich mit den Quellen nicht beschäftigt.“ Ein zweiter Bericht in derselben Ausgabe zitiert Kurzmann so: Auf die Frage, ob er glaube, dass es den Holocaust gegeben habe, antwortete Kurzmann: „Ich weiß es nicht. Ich habe mich mit diesem Kapitel der Geschichte nicht so stark befasst.“ Nur nach Nachfrage rang er sich schließlich zur Aussage „Ich bin überzeugt, dass es die Massenvernichtung gegeben hat“ durch („Kleine Zeitung“ am 26.8.2010).
Kurzmanns Zweifel, ob ein Herr Irving nicht doch recht hat, verwundern weniger, wenn mensch seinen Werbeauftritt im Internet liest: Unter den „lesenswerten Büchern“ führt Kurzmann das Machwerk „Das Ende der Tabus“ von Rudolf Czernin an. Dieses Buch, das demnächst Gegenstand eines Prozesses werden wird, den der Leopold Stocker Verlag gegen eine Aktivistin von Mayday 2000 angestrengt hat, bietet eine Verharmlosung des NS-Regimes par excellence und eindrucksvolle Belege, wie Quellen im Dienste einer solchen Rehabilitation verfälscht werden. Eins hat Kurzmann jedenfalls mit dem (mittlerweile verstorbenen) Autor gemeinsam: Auch Czernin weiß nicht, ob die Holocaustleugner recht haben, weil er sich als „Nicht-Fachmann auf all diesen Sachgebieten kein Urteil erlaubt“ (S. 198). Wer genauer wissen will, welche haarsträubenden Aussagen der steirische FPÖ-Chef für „lesenswert“ hält, den/die verweisen wir auf den Beitrag „Kritik an Geschichtsfälschung: verboten?“ in diesem enterhaken (S. 14). Notfalls würde Kurzmann, wenn irgendwer sein Verhalten noch für skandalös halten würde, eben wieder mal vieles nicht gelesen haben.

Holocaustleugner David Irving, für den alle KZ-Überlebenden „Lügner“ und „assholes“ sind (zit. In Evans, Der Geschichtsfälscher, S.174): Kurzmann „weiß“ nicht, ob er mit seinen Thesen recht hat

„Menschenrechte baba!“ – Wenn die FPÖ hetzt

Kurzmann sieht und hört nämlich prinzipiell nie etwas, wenn kritisch nachgefragt wird: Er vermag weder Hitlergrüße noch Neonazis in seiner Partei erkennen, aber dafür erblickt er momentan überall „Muslime“. Der Islam und die muslimischen MigrantInnen haben in diesem Wahlkampf das Feindbild des Afrikaners, das die FPÖ noch 2005 strapazierte, in den Hintergrund gedrängt:
Mit Hilfe des Architekten der Anti-Minarett-Kampagne in der Schweiz, Alexander Segert, schlagen die Freiheitlichen ohne Hemmungen und Skrupel um sich. „Mehr Mut zur Heimat statt Moschee“, wird plakatiert. Kurzmann reimt: „Lieber Sarezzin als Muezzin!“ und poltert in Inseraten: „Das Straßenbild wird immer mehr von Ausländern geprägt. Dazu kommt: Gewalt und Verbrechen, verübt durch Ausländern, nehmen alarmierend zu. […] Noch bedrohlicher steigt die Zahl der Muslime in unserem Land. […] Eine explosionsartige Vermehrung der Muslime von 1913,45 Prozent. Tendenz weiter steigend!“ (Inserat „Heimat“ auf http://www.stmk-wahl.at)
Der Höhepunkt dieser skrupellosen Kampagne war das Online-Spiel „Moschee baba!“, bei dem Jugendliche Punkte bekamen, wenn sie Moscheen und Muslime „abschossen“. Eine einstweilige gerichtliche Verfügung zwang eine vor Wut tobende FPÖ, das Spiel von der Homepage zu nehmen. Sofort sprangen die Neonazis von „alpen-donau“ ein und stellten „Moschee baba“ auf ihre Seite. Natürlich konnte sich Kurzmann wieder nicht erklären, wie die alpen-donau-Nazis zu den Daten gekommen waren. Unbeeindruckt davon, dass „alpen-donau“ sich selbst immer ihrer Verbindungen zu Freiheitlichen rühmt, stotterte die steirische FPÖ etwas von „Datenklau“ und „gehackten Daten“.
Die Neonazis nahmen es der Partei nicht übel: „alpen-donau“ lobte Kurzmann als „kompromisslosen Deutschen“, der „als Historiker um die Wahrheit Bescheid weiß“.
Und die Freiheitlichen können es sich leisten: Kurzmann kann es sich leisten, seinen eigenen Rassismus immer wieder zu toppen, Jugendlich gezielt gegen MigrantInnen aufzuhetzen, er kann es sich leisten, zu sagen, dass er nicht weiß, ob Irving nicht doch recht hat, er kann es sich das alles leisten, weil der Neonazismus aufgehört hat, die rote Linie zu sein, an der eine Mehrheit aus ihrer Gleichgültigkeit aufschreckt.

Wenn Jugendliche lernen, MuslimInnen „verschwinden zu lassen“ …

Quellen:
Einladungen der FPÖ zu Sonnwendfeiern aus den 80er Jahren, Schreiben der „Aula“-Redaktion 1993, „Uhrturm“ 9/2005, „Zur Zeit“ 35/2005, „Kleine Zeitung“ am 15.8.2006, „Kleine Zeitung“ am 9.7.2006, „Zur Zeit“ 46/2006, „Aula“ 9/2006, („Neue Freie Zeitung“ am 16.10.2008, http://www.doew.at, „Der Standard“ am 27.6.2010, alpen-donau.info am 10. Juni 2010, „News“ am 9. 2010